G l i t t e r

von XenoToJo

Eine Geschichte aus Xenotopia


Ich fühle dein Gesicht in der Dunkelheit,

höre deinen Atem in der Dunkelheit,

fühle deine Hand,

fühle deine Lippen,

deinen Herzschlag,

deine Liebe und deine Seele.

Bring' mich dorthin, wo der Zauber wirkt,

wo selbst die Dunkelheit des Todes uns nicht trennen kann.


P r o l o g

Sie standen einander gegenüber, und beide wussten, dass es ein Abschied für immer sein

sollte. Nun ja, "wissen" wäre die falsche Bezeichnung dafür, denn wer wusste schon alles mit

Sicherheit? Donny jedenfalls wusste es nicht, aber er befürchtete es. Im Anbetracht der

Umstände, war eine "ziemliche Sicherheit, seinen geliebten Gefährten niemals mehr wieder zu

sehen" verdammt hoch.

So standen sie einfach nur da und blickten sich an - in die Augen.Blaue Augen mit einem grünen

Stich, ähnlich dem türkisfarbenen Wasserfällen in den Bergen des Nordwaldes. Eine Augenfarbe,

wie sie alle Pixies besaßen.

Donny machte den Mund auf und wollte etwas sagen, doch Simly schüttelte den Kopf und sagte:

"Wage es nicht, 'Lebe wohl' zu sagen, Donny."

"Ja, denn überleben wirst du diese Sache bestimmt nicht!"

Obwohl Donny eher als zurückhaltend, sanftmütig und manchmal sogar als schüchtern bekannt

war, konnte er trotzig sein wie ein kleines Kind, dem man die Süßigkeiten vorenthielt. Er schloss

die Augen, senkte den Kopf und fügte leiser hinzu: "Ich möchte nicht, dass du gehst."

Simly seufzte. "Ach Donny, du weißt doch, dass es sein muss."

Donny wendete sich von seinem Freund ab und war wieder der trotzige Pixy, der mit zynischer

Stimme laut sagte: "Ist es so?! Diesen Krieg hat nicht unser Volk angefangen, sondern die

Menschen. Die meisten von ihnen sind doppelt so groß wie wir und auch dümmer als wir."

Wieder ein Seufzen von Simly, doch in seiner Stimme klang weiterhin Geduld und Verständnis:

"Ach Donny, ich habe keine andere Wahl, und das weißt du auch. Wir Pixies sind nicht für den

Krieg geschaffen, das weiß ich. Aber dieser Krieg bedroht uns alle, und, und ..." Er rang mit

seinen Worten, suchte nach der richtigen Erklärung seines Handelns, und sagte schließlich: "Und

außerdem muss ich irgend etwas tun, verstehst du?"

Donny spürte Simlys Hand auf seiner Schulter. Wie oft hatte ihn diese Hand berührt? Nicht oft

genug, stellte Donny in diesem Augenblick fest.

"Ich verstehe es, aber ich halte es für falsch."

Er drehte sich langsam zu Simly um und sagte mit einem Glänzen in den Augen: "Ich will dich

nicht verlieren."

"Du wirst mich nicht verlieren, hörst du?!" Simlys Stimme klang bestimmend; so, als wolle er

einfach nicht zulassen, dass sein Gefährte befürchtete, er könne in diesem Krieg fallen.

Simly hatte dunkelrotes, glattes Haar, welches nahtlos in einem flauschigen Backenbart

überging. Seine Gesichtszüge waren fein und fast feminin - wie bei allen Feenwesen - und

verrieten in diesem Augenblick Donny, dass auch Simly die selbe Befürchtung hatte; die selbe

Angst. Die Angst vor dem Tod.

Donny war so völlig anders als Simly: Er trug sein hellblondes Haar schulterlang, hatte stets

einen etwas traurigen Gesichtsausdruck, aber wenn er sprach, wirkte er wie ein trotziges Kind.

Simly küsste Donny auf den Mund, als wolle er damit unbedingt seinen Worten Nachdruck

verleihen, als wolle er damit Donny zum "Scheweigen" bringen, keine Widerworte zulassen.

Donny sagte auch nichts mehr, sondern genoss die letzten verbleibenden Minuten mit Simly. Sie

waren ganz alleine, obwohl es am Hafen von Goblinthal nur so von anderen Kreaturen wimmelte:

Hautpsächlich Pixies, aber auch Goblins und Menschen waren hier, und drängten sich in

gewaltigen Massen auf die vor Anker liegenden Kriegsschiffe. Inmitten dieser Massen waren sie

jedoch alleine.

Als sie voneinander abließen, überreichte Simly Donny eine Rose - Donny kannte sie. Es war

eigentlich ein kunstvoll gefertigten Gegenstand aus rotem Kristall und grünem Glas. Im

Mondlicht schimmerte und glitzerte die aus rotem Kristall gefertigte Blüte.

"Hier, nimm' diese Rose und bewahre sie gut auf.", sagte Simly leise. "Meine Liebe zu dir ist so

stark, dass sie nichts und niemand zerstören kann. Sie ist die größte Macht, der stärkste Zauber,

das größte Geschenk. Meine Liebe zu dir soll erst vergehen, wenn diese Kristallrose verblüht."

Dann ging Simly mit hunderten anderen Kriegs-Freiwilligen auf eines der riesigen Schiffe und

ließ Donny alleine zurück.


Erster Teil: D o n n y

Das Zirkuszelt war bis auf den letzten Platz voll, und das Publikum johlte, lachte und

tobte regelrecht, als ein etwas rundlich gebauter Pixy mit Clownschminke und alberner Kleidung

- übergroße Hose mit Hosenträgern, dazu eine violett farbene Melone mit einer Papierblume -

dem älteren Herrn einen Eimer voller Schaumcreme über den Kopf kippte.

"Soooo", rief der dicke Clown. "Das ist gut für die Kopfhaut und schont die Rasur!"

Unter der dicken, weißen Schaumcreme gab der ältere Herr - es war ein Gremlin - blubbernde

Laute von sich.

Das Publikum, welches ein bunt durcheinander gemischtes Sammelsurium aus Menschen, Elfen,

Gremlins und Orks bestand - lachte noch lauter. Diese Leute waren Unterhaltung und Humor seit

dem Ende des Krieges vor fünf Jahren nicht mehr gewohnt, und freuten sich über jede

Abwechslung, die sich ihnen bot. Goblinthal war eine kleine, abgeschottete Enklave, und der

Pixy-Zirkus war überhaupt der einzige unerhaltsame Treffpunkt in dieser Gegend. So kam es,

dass sich dieses bunte Sammelsurium aus den unterschiedlichsten Völkern und Rassen über solch

einfache Gags laut lachend auf die Schenkel haute.

Der dicke Clown wollte gerade anfangen, mit einem überdimensional großen Rasiermesser - das

natürlich aus Holz war - den Kopf des blubbernden Gremlins zu rasieren, als eine zweite,

kreischende Stimme mit ihrem "Haaaaaaaaaaaalt!!!" die Aufmerksamkeit des Publikums erregte,

und den dicken Clown inne halten ließ.

Ein schlanker Pixy in einem bunten Gauklerkostüm mit Schellenkappe, weißen Pommel-

Knöpfen und bunt geschminkten Gesicht betrat die kleine Bühne des Zirkus' und stapfte in seinen

schwarzen Schnabelschuhen auf die "Rasier-Szene" zu.

"Was tust du denn da, du Doof-Kopf?!", rief der Pixy-Gaukler und schlug dem dicken Clown

das Holz-Rasiermesser aus der Hand.

"Weißt du denn nicht, WER hier unter dieser Schaumcreme begraben ist?!"

Der dicke Clown spielte den Dummen und machte nur ein "Öh - Nö!"

"Das ist der Vorstand der Gewerkschaft für bescheuerte Unterhaltung aus dem Elfenland!",

erklärte der Pixy-Gaukler ungeduldig, wofür er reichlich Lacher erntete.

"Ach ja - und?!"

Der Pixy-Gaukler stöhnte auf. "Hast du eine Ahnung, was der macht? Der rennt doch gleich zur

Gewerkschaft und beschwert sich über uns, weil wir seine kahle Murmel noch kahler machen. Ich

kenne den Boss dieser Gewerkschaft - ein Ork! - und mit denen ist nicht zu spaßen!"

Ein ziemlich großer, muskulöser Ork, der im Publikum saß, nickte. "Das stimmt!"

Wieder schallendes Gelächter.

"Nicht selten kommt es vor", sagte der Pixy-Gaukler etwas leiser. "dass der Orkvorstand

Quertreiber wie uns zum Mittag verspeisen!"

Wieder ein "Stimmt!" aus dem Publikum. Wieder lautes Gelächter.

"Ojemine ojemine!", rief der dicke Clown. "Was machen wir denn da?!"

"Ganz einfach!", sagte der Pixy-Gaukler, nahm einen Eimer Wasser, und holte damit aus. "Wir

bereinigen das sofort an Ort und Stelle!"

Und mit diesem Worten goss er das eiskalte Wasser über den mit Schaum bedeckten Kopf des

Gremlins und spülte den weißen Schaum damit weg. Zum Vorschein kam das entsetzte Gesicht

eines Gremlins.

"Ach du Schreck - wo sind meine Haare?!", rief der Gremlin, und das Publikum lachte, erhob

sich und klatschte Beifall. Nicht nur deshalb, weil sie die Frage nach den Haaren für einen Teil

der Vorstellung hielten.

Die Zirkus-Vorstellung endete immer mit dem "Rasierschaum-Gag", wo ein ahnlungsloses Opfer

aus dem Publikum ausgesucht und dann mit Schaum und Wasser überrascht wurde. Nach all den

Jahren der Gewalt und des Krieges genossen die Leute solchen Unsinn.

Die Pixy-Musiker spielten Flöte und Trommel, die Schausteller verneigten sich vor dem

klatschenden Publikum, und die dicke Clown schwang sein übergroßes Rasiermesser aus Holz

wie ein Schwert, doch einer der Schausteller fehlte: Der Pixy-Gaukler hatte sich bereits wieder

zurückgezogen. Die Musik, der Beifall und das Gelächter drangen gedämpft aus dem kleinen Zelt

in die kühle, sternenklare Nacht, wo sie von Donny nur wie eine wage Erinnerung aus weiter

Entfernung wahrgenommen wurde.

Er stapfte in seinen schwarzen Schnabelschuhen auf seinen Wohnwagen zu, vorbei am

umzäunten Gehege mit den Pferden und den anderen Wohnwagen und Zelten, in denen die

anderen Schausteller lebten. So machte er es in letzter Zeit immer öfter: Er ging alleine von der

Bühne, während sich die anderen noch verneigten und beklatschen ließen. Er wollte nicht

beklatscht werden, wollte nicht den Kasper, den Gaukler spielen, der er eigentlich gar nicht war.

Donny erreichte seinen Wohnwagen, schloss die Tür hinter sich und damit auch den fernen Lärm

aus dem Zirkuszelt.

Einen Augenblick stand er da und starrte schweigend in das Halbdunkel seines Wohnwagens.

Der Mond schien durch das einzigste Fenster, welches sich über seinem Bett befand. Nach

einigen Herzschlägen zog er sich die Narrenkappe aus und warf sie über einen Stuhl. Die

Schellen gaben klirrende Geräusche von sich. Dann streifte er sich die Schnabelschuhe ab und

ging barfuß auf sein Bett zu. Seine pastellgrüne Haut schimmerte im hellgraunen Mondlicht wie

eine Moosflechte, welche über uraltes Gemäuer wuchs.

Er ließ sich laut seufztend auf sein Bett fallen und starrte eine Zeit lang an die Decke, die mit

bunten Tüchern und Glitzer-Bändern behangen war. Donny liebte Dinge, die glitzerten und

schimmerten. Vielleicht war er deshalb immer noch hier beim Zirkus. Er liebte den Zirkus, liebte

die Schminke in seinem Gesicht, die bunten Kostüme, überhaupt alles Bunte und Schillernde.

Aber er selbst war es nicht.

Nach einer Weile des Grübelns drehte er sich zur Seite, griff unter sein Bett und zog eine

Holzschatulle hervor, die er jeden Abend nach jeder Vorstellung hervor holte. Er schluckte,

schloss kurz die Augen, dann öffnete er sie. Zum Vorschein kam eine Rose aus Glas und Kristall.

Donny nahm sie heraus, hielt sie in den silbrigen Lichtkegel des Mondes und betrachtete das

Schimmern und Glitzern im Inneren des roten Kristalls der Blüte.

"Sie ist nicht verblüht, also liebst du mich noch immer.", sagte er laut. "Und ich liebe dich auch

immer noch."

Dann legte Donny die Rose wieder in die Schatulle zurück und die Schatulle selbst wieder an

ihren Platz unter seinem Bett.

Nachdem er sich das Gaukler-Kostüm ausgezogen und sein Gesicht abgeschminkt hatte, lag

Donny noch bis tief in die Nacht wach auf seinem Bett und grübelte. Dieses "Ritual" vollzog er

nun seit dem Tag, an dem er sich von Simly verabschiedet hatte - seit sieben langen Jahren.

Goblinthal war eine kleine Enklave wie hunderte andere mal kleinere, mal größere

Stadtstaaten oder Gemeinden auf dem ganzen nördlichen Kontinet auch, die sich seit dem Ende

des Krieges keiner größeren Regierung oder gar einem Königreich unterwarfen. Seit der Krieg

vorbei war, in dem zum Ende hin alle Rassen und Völker gemeinsam gegen einen grausamen

Feind, dessen Namen hier nicht genannt werden soll, gekämpft haben, war mehr als nur ein

grausamer Dämonen-Fürst besiegt worden: Die Völker haben vor allem ihre Freiheit erkämpft.

Und seit diese Freiheit durch den Sieg gegen diesen Herrscher gewonnen war, wollte auch

niemand mehr seine Freiheit hergeben. Das Ergebnis war die Ablehnung jeglicher Herrschaft oder

Führung: Fürstentümer wurden abgeschafft, Könige und Kaiser verloren ihre Macht. Lediglich in

Gebieten, die von Menschen und Orks dominiert waren, existierten noch ähnliche Strukturen wie

vor dem Krieg: Es waren kleinere "Burg-Staaten" mit dem Rittertum als Regierungsform. In

anderen Teilen der Welt regierte das Militär als "Beschützer" des Volkes. Völlig losgesagt von

jeder Form der Regierung oder des Unterwerfens eines Herrschers haben sich die Pixies, die

Gnome, die meisten Menschen und die Goblins.

Die Entklave "Goblinthal" erhielt vor über fünfhundert Jahren ihren Namen deshalb, weil sie

einst eine Art Zufluchtstätte, ein Ghetto für Goblins gewesen war. Die Menschen hatten damals

sich das Recht herausgenommen zu meinen, dass Goblins keine "echten", intelligenten

Lebensformen waren und wie Tiere zu betrachten waren. Die blauhäutigen Wesen, die nicht

gerade als Meister der Strategie und Kriegskunst bekannt waren, wurden regelrecht von den

Menschen und später auch von den Orks überrumpelt und dazu gezwungen, ihre heimatlichen

Höhlen und Täler zu verlassen.

Das Gebiet, das heute den Namen Goblinthal trägt, war jedoch die einzige Landschaft, die vor

allem für Menschen uninteressant gewesen war. Keine Rohstoffe, überall Sumpfgebiete und jede

Menge gefährliche, wilde Tiere. Die Goblins wurden hier heimisch und benannten das sumpfige

Tal, in dem es permanent nach Moder und verwesenden Pflanzen roch, "Goblinthal". Im Laufe

der Zeit wurde es zur Zuflucht vieler von den Menschen verfolgter Wesen wie die Gnome, die

Kobolde und später auch die Pixies.

Fünfhundert Jahre später war Goblinthal ein buntes Sammelsurium aus verschiedensten Völkern

und Rassen. Eine Regierung besaß Goblinthal nicht. Die Menschen bezeichneten Goblinthal

manchmal als "anarchistische Zustände", was jedoch nicht hieß, dass diese "Zustände" chaotisch

oder gar außer Kontrolle waren. Im Gegenteil. Nun ja, Ausnahmen gab es auch hier, wie Donny

an diesem Tag selbst erleben durfte.


Es war ein sonniger Herbsttag in Goblinthal, als die Parade des Pixy-Zirkus über die

Hauptstraße lief. Der Zirkus selbst war nun schon seit einer Woche in Goblinthal, und die

Bewohner der Gemeinde konnten von den Schaustellern nicht genug bekommen. Die

Bevölkerung von Goblinthal bestand hauptsächlich aus Bauern, Künstlern und "Leuten, die gar

nichts arbeiten", doch Begriffe wie "Vagabunden" oder "Landstreicher" waren fremd, denn eine

Verpflichtung zur Arbeit bestand nicht. Allerdings war Goblinthal auch kein Paradies, in dem

jeder alles von jedem kostenlos bekommen konnte - wer nicht arbeiten wollte, musste in der Tat

betteln oder stehlen. Einige Gemeindemitglieder, sie waren in der Minderheit, sehnten sich die

alten Zeiten herbei, in der es noch Führer und Herrscher gab, die "Gesindel und arbeitsscheues

Pack" bestraften und dem Rest des Volkes sagten, "wo es lang ging". Und so kam es immer

wieder vor, dass sich Anhänger dieser Idee als eine Art selbsternannte "Dorfpolizei" formierten

und dort für "Ordnung" sorgten, wo es ihrer Meinung nach notwendig war.

Inmitten den jubelnden Menschen-Goblins-Pixy-Menge beobachteten zwei giftgrüne, stechende

Augen die Schausteller und Pixy-Gaukler dabei, wie sie mit bunten Bällen jounglierten, Trommel

spielten oder Feuer speihten. Besonders einer der Pixies - ein schlanker Kerl mit einem rot-blauen

Gauklerkostüm und Narrenkappe - fielen diesen beiden Augen auf, und fixierten ihn. Im

Gegensatz zu dem Rest der Zuschauermenge gehörten diese Augen nicht einem lachenden

Gesicht.

Die Parade bog in eine etwas schmälere Gasse ab, und Donny verlor den Anschluss. Er war

gerade dabei, einigen Menschenkindern aus transparenter Knetmasse Tiere zu formen, als er

bemerkte, dass die anderen schon weitergezogen waren. Er überreichte einem lachenden kleinen

Mädchen eine kleine, nickende Eidechse aus Knetmasse - es war sogenannte "intelligente

Knetmasse", die beispielsweise Bewegungen und auch Geräusche wie das Tier, in das sie

verwandelt wurde, von sich geben konnte - und ging dann weiter, fand jedoch in dem ganzen

Trubel und Durcheinander aus Tuniken, Mützen, Köpfen und Körpern die anderen Leute vom

Zirkus nicht mehr.

Er drängelte sich durch die Menge aus Zuschauern und Passanten und wurde plötzlich hart an

der Schulter angerempelt. Donny stolperte zu Boden und konnte lediglich den roten Stoff eines

Umhangs und ein hastiges Paar nackter blauer Füße sehen, das an ihm vorbei huschte. Bevor er

sich lautstark beschweren konnte, fiel ihm regelrecht ein Buch entgegen. Geschickt konnte Donny

es gerade noch auffangen, wobei ihm jedoch die intelligente Knetmasse und seine Jonglierbälle

aus der Hand fielen.

Das Buch war nicht sehr dick, aber verhältnismäßig groß und in dunkelrotes Leder eingebunden.

Er starrte es einen Augenblick lang an, dann rappelte er sich auf und suchte die Straße, in der es

nur so von Personen wimmelte, mit seinen Augen ab.

"Na klasse", murmelte er. "das könnte ja jedem gehören."

Donny entschied, dass es erst mal wichtiger war, seine Jongleur-Utensilien wieder zusammen zu

sammeln und begann auch sogleich damit, die verlorenen Gegenstände zusammen mit dem

gefundenen Buch in seinen Lederbeutel zu stopfen. Einer der Bälle rollte eine Straßenrinne

entlang und entwischte gerade so Donnys Zugriff. Er rannte dem rollenden Ball hinterher wie ein

Bauer, dem ein Huhn ausgebüxt war und entfernte sich immer weiter von der Hauptstraße und der

Personenmenge, die nach und nach zusammen mit der Parade des Zirkus weiterzog.

In einer kleinen, schmalen Seitengassen bekam Donny seinen Ball endlich zu fassen. Erleichtert

seufzte er auf, denn eine Sekunde später, und der Ball wäre in einen Abwasserkanal gelandet. Er

betrachtete den pinkfarbenen Ball kurz, sagte: "Jag' mir nie mehr so einen Schrecken ein, hörst

du?!", packte in weg, stand auf und ...

"Was haben wir denn da?!"

Zwei unheimliche Männer - ein glatzköpfiger Mensch mit einer langen Narbe im Gesicht und

ein dürrer Goblin mit weißen Haaren und einer Narbe unter dem Auge - versperrten Donny mit

verschränkten Armen den Weg.

Erst jetzt bemerkte er, wo ihn die Jagd nach dem Ball hingeführt hatte: Diese Gasse war nicht

nur sehr schmal und dunkel, es war vor allem eine Sackgasse. Auf beiden Seiten waren

fensterlose Gemäuer, und die Sackgasse selbst war gesäumt von stinkenden Abfallkisten. Der

glatzköpfige Mensch war etwa so breit wie Donnys Kleiderschrank, und obwohl der Goblin sehr

dürr und hager aussah, so verriet sein Gesichtsausdruck nichts Freundliches. Donny wusste, dass

Goblins zwar nicht als muskelbepackte Kraftprotze berühmt waren, dafür aber mit ihrer Zähigkeit

und Ausdauer.

"Würdet ihr mich bitte vorbei lassen, ich muss zurück zur Parade.", sagte Donny und versuchte,

seine Unsicherheit und Angst zu verbergen, denn ein Gefühl sagte ihm, dass diese beiden

Gesellen nicht zum gemütlichen Plaudern aufgelegt waren.

Der Goblin verschränkte die Arme und hob eine Augenbraue. "So?! Zur Parade, was? Um dort

mit den anderen Pixy-Schwuchteln zu spielen?!"

Donny spürte, wie sein Herz schneller schlug. In seiner Kehle bildete sich ein Kloß.

"Weißt du eigentlich, dass wegen euch Pixies der Krieg so beschissen geendet hat?!", sagte

Glatze mit einer heiseren Stimme. "Jetzt können schwuchtelige Wanzen wie du machen was sie

wollen, und anständige Leute wie wir müssen arbeiten, um nicht zu verhungern."

Donny hatte Angst, aber er war auch ein wenig wütend. Doch war es so klug, dies diesen beiden

Gesellen auch zu zeigen? Er machte einen Schritt zurück und sagte: "Wir alle müssen arbeiten,

um nicht zu verhungern. Als es noch Fürsten gab, war das nicht anders."

"Oho - ein Pixy mit einer eigenen Meinung.", rief der dürre Goblin. "Aber dafür bekamen

damals noch anständige Leute Arbeit. Leute, die es verdient haben, und nicht so ein dummer

Abschaum wie du einer bist!"

"Ein starker, unerbittlicher Herrscher, der Dreck wie du und deines Gleichen vertreibt von

unserem Land!", sagte die heisere Stimme von Glatze. "Hörst du?!"

Sie kamen Donny näher und ließen ihre Fingerknöchel knacken.

"Was machen wir mit diesem Kasper?", sagte der dürre Goblin.

"Wir ziehen ihm das Gesicht ab und verfüttern es an die Ratten!", zischte Glatze.

Der dürre Goblin packte Donny am Kragen. "Jaaaa, so wie es mit allen schwuchteligen Pixy-

Kakerlaken gemacht gehört ..."

Donny war gerade im Begriff, um "Hilfe" zu schreien, als wie aus dem Nichts sich ein Schatten

über den dürren Goblin legte. Im nächsten Augenblick lag ein langes, sauberes Breitschwert auf

der Schulter des dürren Goblins, der Donny immer noch am Kragen gepackt hielt.

"Lasst ihn in Frieden. Er hat euch nichts getan.", sagte eine leise, etwas kehlige Stimme.

Donny sah den zweiten Goblin erst, als er ihn sprechen hörte: Er stand direkt hinter dem dürren

Goblin und dem glatzköpfigen Menschen, trug eine schwarze Tunika, die ihn ein wenig an die

Kleidung der Wüstenvölker erinnerte und einen dunkelroten Umhang. Unter einer mit

tiefschwarzen Haaren bedeckten Stirn blickten zwei grimmige, giftgrüne Augen hervor. Seine

kleine Nase war nochgezogen, und verlieh dem gesamten Gesicht einen Ausdruck, als wäre er

von etwas angewidert.

Der dürre Goblin drehte sich um, musterte seinen Artgenossen kurz, dann legte er

überraschenderweise seinen Arm um Donnys Schulter und sagte grinsend: "Hey, das war nur ein

Spaß. Ich und dieser Kasper sind Freunde! Also lass' den Säbel mal stecken, Bruder!"

Noch bevor Donny völlig überrascht dies richtig stellen konnte - von wegen Freunde, von wegen

"Spaß" - sagte der grimmige Goblin mit den schwarzen Haaren ruhig und gelassen: "Ich bin nicht

dein Bruder!"

Im selben Augenblick sprang Glatze den schwarzhaarigen Goblin an, doch dieser verpasste dem

Menschen mit der Faust einen Schlag auf die Nase.

Dann sprang der Goblin kämpferisch nach vorne, stieß Donny mit den Worten "Aus dem Weg,

du Wicht!" zur Seite und nahm es mit seinem dürren Artgenossen auf.

Donny landete hart auf dem feuchten, festgestampften Lehmboden. "Uff, voll auf die Rippen!";

stöhnte er, und bevor der Pixy feststellen konnte, welche seiner Rippen in Mitleidenschaft

gezogen worden waren, war der kurze Kampf auch schon vorbei:

Glatze suchte nach einem zweiten Schlag auf das Kinn das Weite, und der dürre Goblin wurde

von dem muskulösen Kampf-Goblin mit einem Tritt in den Bauch ebenfalls zur Aufgabe und

Flucht gezwungen.

Mit seinem vorstehenden Unterkiefer und den langen, über die Lippen ragenden unteren

Eckzähnen rief der Kampf-Goblin den beiden Flüchtenden hinterher: "Lauft schnell nach Hause -

Mutti wartet mit dem Mittagessen, Jungs!"

Donny rappelte sich langsam auf und musterte seinen vermeintlichen Retter einen Augenblick:

Der Kampfgoblin war anders, als die meisten anderen Goblins, denen er schon begegnet war.

Seine Haut war blau mit einem Graustich. Seine Oberarme zeigten Muskeln, wie man sie sehr

selten bei Goblins sah. Die Ohren waren mit ihren "Fledermaus-Flügel-Form" wiederrum genauso

typisch für einen Goblin wie seine Füße, die Goblins übrigens sehr selten bis nie in irgendwelche

Schuhe steckten; sehr groß, sehr breit und mit vier jeweils spitz zulaufenden Greifzehen ohne

Zehennägel. Seine Hände glichen eher Pranken als Händen und hatten lange, schwarze

Fingernägel - eigentlich eher Krallen. Deshalb nannte man Goblinhände auch "Klauen".

Der Kampf-Goblin stand Donny mit dem Rücken zugewand da, und steckte sein Schwert zurück

in die Scheide, die er an einem Ledergürtel auf seinem Rücken trug.

"He, danke! Das war ..."

Donny verharrte, als der Goblin sich langsam zu ihm umdrehte, und mit seinen grünen,

grimmigen Augen abschätzig anblickte.

"... richtig gut.", flüsterte Donny nach einer kurzen Unterbrechung. "Danke ..."

"Pah!", rief der Goblin und tat so, als würde er ausspucken. "Verschone mich mit deinem

schwuchteligen Pixy-Geplapper, ja?!"

Mit diesen Worten verließ der Goblin die düstere Sackgasse, bog nach links ab und verschwand

aus Donnys Blickfeld.

Der Pixy rannte hinterher und rief: "Jetzt warte doch mal, wie heißt du ..."

Doch als er das Ende der Gasse erreicht hatte und nach links in die Straße blickte, war der

Goblin bereits verschwunden.

Donny verschränkte die Arme und äffelte die letzten Worte seines vermeintlichen Retters leise

nach: "Schwuchteliges Pixy-Geplapper?! Was sollte denn das jetzt?!"

Zwar etwas beleidigt, aber dennoch froh, am Leben und unverletzt zu sein, machte sich Donny

wieder auf, den Anschluss an die Zirkus-Parade zu finden.

Norin war gerade dabei, Kartoffeln in die Suppe zu kippen, die in einem schweren,

rußgeschwärzten Zinnkessel über einem offenen Feuer vor sich hinkochte, als Donny aus seinem

Wohnwagen kam. Er war abgeschminkt und trug seine Alltagskleidung - eine knielange, blaue

Hose mit ausgefransten Hosennbeinen, eine dunkelgrüne, ärmellose Weste sowie eine dunkelrote,

spitz zulaufende Mütze, wie sie fast alle Pixies und auch Zwerge trugen. Donny war barfuß, als er

sich neben Norin - er spielte bei ihren Vorstellungen immer den "dicken Clown" - ans Lagerfeuer

setzte und seine braunen Lederschuhe über seine Füße zog. Die Schuhe waren - wie fast alles,

was Donny an seinem Körper trug - selbst hergestellt, und bereits unzählige Male geflickt und

geklebt worden.

"Bitte schön, das fehlte noch für meinen perfekten Tag!", murmelte Donny, als er seinen großen

Zeh` durch ein Loch im Schuh herausgucken sah. Er zog den Schuh wieder aus und begann, das

Loch mit Nadel und dickem Faden zu flicken, die er mitgenommen hatte.


Während er an seinem Schuh arbeitete, fragte Norin: "Wo warst du vorhin? Du hast den

Anschluss total verpasst. Haben dich wieder alte Muttis aufgehalten?"

Donny seufzte entnervt, als er daran dachte, worauf Noris hinauswollte: Vor allem bei

Menschenfrauen waren Pixies sehr beliebt, allerdings nicht als intelligente, fühlende und

denkende Wesen, sondern vielmehr wie niedliche Kuscheltiere. Pixies konnten genauso alt

werden, wie Menschen, aber man sah ihnen ihr Alter oft nicht an. Die meisten Pixies wirkten wie

Kinder - erst an ihren Bärten oder Falten konnte man die Erwachsenen unter ihnen erkennen. Und

da auch noch erst bei genauem Hinsehen.

Donny hatte noch keine Falten, und seinen Bart rasierte er sich auch regelmäßig ab, war aber

trotzdem schon sechsundzwanzig Sommer alt.

"Nein, leider nicht."

Norin rührte die Suppe um und runzelte die Stirn. "Wie meinst du das?"

Donny sprach, während er mit ruhiger Hand nähte. "Ich bin heute mal wieder von den

Hohlköpfen angemacht worden, die unserem Volk die Schuld daran geben, dass der Krieg so

schlimm ausgegangen war." Er grunzte verächtlich. "Klar, als ob es hätte besser kommen

können."

"Ja, ja" Norin nickte. "Vor allem die Menschen sind immer noch davon überzeugt, dass der

Krieg nichts mit dem Streben nach Herrschaft zu tun hatte."

"Einer von ihnen war ein Goblin."

Norin zuckte mit den Achseln. "Überrascht mich nicht. Die haben doch genauso wenig in der

Birne als diese Orks."

Donny musterte seinen Zirkus-Kameraden einen Moment, dann sagte er langsam: "Das hat mit

der Rasse nichts zu tun. Es gibt überall Idioten."

"Ja, aber nicht so viele wie bei den Menschen oder Goblins - wenn du mich fragst."

Das Feuer knisterte und seine Hitze ließ die Luft flimmern. Es war bereits Abend, und die Sonne

am Untergehen. An diesem Abend würden sie keine Vorstellung haben. Eine gute Gelegenheit,

wieder etwas Geselligkeit zu genießen. Pixies waren sehr gesellige Wesen - schon vor dem Krieg.

Donny hatte manchmal den Eindruck, dass gerade die Menschen es ihm und seinem Volk neidisch

waren, das Leben zu genießen.

In ihrem Zirkus war es Brauch, dass sich alle Mitglieder am Abend zusammen ans Lagerfeuer

setzten, aßen und sich Geschichten erzählten oder Lieder sangen. Doch an diesem Abend waren

Donny und Norin alleine.

"Wolltest du nicht mit den anderen in die Stadt gehen?", fragte Norin nach einer Weile, um das

Thema zu wechseln.


In Goblinthal war an diesem Abend ein Grillfest angesagt. Da es keinen Bürgermeister oder

ähnliches gab, entschieden die Handwerksfamilien oder Bauern, einfach nach Gutdünken ein Fest

zu veranstalten. Mit der Zeit war es Brauch geworden, vor allem Jahreszeitenwechsel oder

besondere Anlässe wie Hochzeiten oder die Geburt eines Kindes zu feieren. Das Grillfest, von

dem Norin sprach, wurde von einem sehr reichen Bauer veranstaltet, der die Hochzeit seiner

Tochter feierte - und alles und jeden in Goblinthal dazu eingeladen hatte. Die Zirkusleute ließen

sich die Gelegenheit, gegrilltes Fleisch und echten Wein zu sich nehmen zu können, natürlich

nicht entgehen.

Donny schüttelte den Kopf. "Mir ist nicht nach Trubel."

Norin grinste. "Etwas Ruhe tut ganz gut, oder?"

Donny nickte, und biss den Faden mit seinen Zähnen durch. Die Naht war fertig, der Schuh

repariert.

"Für so einen .... alten Mann wie du es bist ..."

"W ..." Donny starrte Norin erschrocken an; eine Sekunde später begriff er die Neckerei und

knuffte dem pummeligen Pixy in die Rippen.

"Noch einmal so ein Spruch, und DIR wird die Erfahrung des Alters verwehrt bleiben, mein

Freund!"

Sie lachten. Es tat gut, zu lachen. Norin sah Donny sehr selten lachen - fast nur, wenn er sein

Gaukler-Kostüm trug. Vor dem Publikum im Zirkus. Doch Donny war nicht wirklich glücklich, er

lachte als Gaukler nicht wirklich - er spielte es nur. Dieses Lachen, hier am Lagerfeuer, war eines

der seltenen Augenblicke, wo Donny`s Lachen echt war.

Nach einer Weile aßen sie Suppe und erzählten sich Geschichten.

Die ganze Zeit über dachte Donny immer wieder daran, was ihm an diesem Tag wirklich passiert

war - der dürre Goblin und der glatzköpfige Mensch, die ihn in die Sackgasse gedrängt und

bedroht hatten. Und dann dieser andere Goblin ... Der Goblin im schwarzen und roten Gewand.

Diese Augen, dieser Blick ...

Norin fragte nicht weiter danach, was Donny passiert war, denn es kam mehr als einmal vor,

dass Pixies bedroht wurden. Traurigerweise gewohnte man sich als Pixy an diese Dinge. Donny

war ihm nicht böse darüber; er hielt es nicht für erwähnenswert. Auch nicht die Tatsache, dass er

an diesem Tag von einem Goblin schwer beeindruckt worden ist, obwohl er ihn beleidigt hatte.

Beeindruckt war Donny gerade aus diesem Grund, dass der unbekannte Goblin ihn zwar

beleidigt

(Verschone mich mit deinem schwuchteligen Pixy-Geplapper, ja?!)

aber dennoch vor den Schlägen dieser beiden finsteren Typen gerettet hatte.


Er als Donny an diesem Abend zu Bett gehen wollte, fiel ihm das Buch wieder ein.

Mit einer weißen Schlafhose bekleidet wollte Donny sich gerade ins Bett legen, als beim

Aufschlagen der Decke ein schwerer Gegenstand mit einem dumpfen Geräusch auf den Boden

fiel. Der Pixy zuckte erschrocken zusammen, dann fiel sein Blick auf den dunklen Gegenstand.

"Ach ja, das habe ich ja ganz vergessen.", sagte er laut zu sich selbst, griff nach dem Buch und

legte es auf sein Bett.

Draußen war es bereits stockdunkel. Der Mond schien in dieser Nacht von dicken Wolken

verdeckt zu sein, weshalb Donny ein paar Kerzen anzündete, sich im Schneidersitz auf sein Bett

setzte und anfing, das rote Buch durchzublättern, welches er in der Stadt während der Parade

gefunden hatte.

Es gab offiziell über zwanzig Sprachen, und jedes Volk besaß zusätzlich noch mehrere

Schriftzeichen: Die Menschen benutzten ziemlich kantige, zackige Buchstaben, während Elfen

sehr feine, geschwungene Schriften verwendeten, um ihre Sprache auf Papier festzuhalten. Pixies

benutzten meist Bildersymbole: Ein Bild konnte sowohl für ein Wort, aber auch für einen ganzen

Satz stehen. Von der Schriftsprache der Orks, Trolle oder Goblins war wenig bekannt, da die

meisten dieser Geschöpfe weder schreiben noch lesen konnten. Und die wenigen Gremlins, die es

noch gab, hatten keine eigene Schrift, sondern eigneten sich - wenn überhaupt - die

Schriftsprachen anderer Völker an.

Die Schriftzeichen, die Donny in diesem Buch sah, waren eine Mischung aus Bildsprache - wie

bei den Pixies - und geschwungenen Schriften - wie bei den Elfen.

Er seuftzte, denn diese Art des Schreibens gab kaum Aufschluss darüber, wer nun der Verfasser

dieses Schriftstückes sein konnte: Ein Pixy oder ein Elf? Ausserdem musste der Autor dieser

Schriften noch lange nicht der Besitzer des Buches sein.

Donny fiel auf, dass das Buch etwa zu zwei Dritteln vollgeschrieben war, der Rest bestand aus

leeren, weißen Seiten. Also war es kein gedrucktes Buch. Er kniff die Augen angestrengt

zusammen, doch er schaffte es nicht, die Elfenschrift zu entziffern. Die Bildersymbole, die er aus

der Pixy-Sprache kannte, waren jedoch einfacher zu lesen.

So überflog Donny zunächst die Seiten, und er konnte aus den Bildsymbolen erkennen, dass der

Autor vor allem die Jahreszeiten und Tage beschrieb - es war also so eine Art Kalender oder

Tagebuch. Donny war zwar kein Analphabet, aber als schwer belesen würde er sich auch nicht

gerade bezeichnen. Deshalb dauerte es eine ganze Weile, bis er die Worte hinter den

Bildsymbolen lesen konnte, die auf der ersten Seite des Buches standen:

Ich fühle dein Gesicht in der Dunkelheit,

höre deinen Atem in der Dunkelheit,

fühle deine Hand,

fühle deine Lippen,

deinen Herzschlag,

deine Liebe und deine Seele.

Bring' mich dorthin, wo der Zauber wirkt,

wo selbst die Dunkelheit des Todes uns nicht trennen kann.

Mit klopfendem Herzen ließ Donny das Buch sinken und starrte durch das Fenster in die

nächtliche Dunkelheit. Wer immer das geschrieben haben mag, musste eine begnadete, aber auch

leidenden Seele sein. Donny spürte

(Einsamkeit, Verlangen, Sehnsucht ...)

etwas, doch es kam ihm so vor, als wären es seine eigenen Gefühle.

"Es sind meine eigenen Gefühle, schließlich vermisse ich auch jemanden ...", sagte er laut, und

hielt plötzlich inne, als er bemerkte, dass er seinen Gedanken laut ausgesprochen hatte.

Da war es wieder - das Gefühl, sich selbst

(ich habe es nicht verdient ...)

und einen Unbekannten

(du hast meine Seele, du hast sie dir einfach ergaunert)

zu hassen.

Donny ließ seinen Blick wieder auf das Buch sinken und starrte einige Herzschläge lang die

gerade gelesenen Worte an. Dann blätterte er hastig einige Seiten zurück und versuchte, die

anderen Worte zu entziffern, doch im Gegensatz zu dem Gedicht (war es ein Gedicht oder

wirklich empfundene, echte und persönliche Gefühle?), das er gerade gelesen hatte, waren die

anderen Einträge in dem Buch eher belanglos.

Schließlich schlug Donny das Buch wieder zu und entdeckte erst jetzt die Siegelprägung am

Buchrücken. Im Kerzenlicht betrachtete er es eine Weile und glaubte zu wissen, dass das Siegel

das Symbol für die städtische Bibliothek zeigte.

"Also gehört es dahin.", murmelte Donny nachdenklich. "Ich muss es dem Eigentümer wieder

zurückbringen.", sagte er nach einer weiteren, nachdenklichen Weile laut, löschte die Kerzen und

legte sich ins Bett.

Es dauerte lange, bis Donny endlich Schlaf fand, denn ihm kreisten ständig die Worte, die er

gelesen hatte, durch den Kopf. Wen sprach der Autor dieses Gedichts an? War es eine Person, die

der Schreiber kannte oder war es

(imaginär - es ist Sehnsucht)

eher ein Wunschgedanke?

Donny erschrak kurz, als er diese scheinbare Erkenntnis in sich sprechen hörte - "imaginär - es

ist Sehnsucht". Im selben Augenblick, wo er sich dsie Frage stellte, was das Gedicht bedeuten

könnte, sprach eine Stimme in ihm das Vermutete bereits als Tatsache aus. Aber es war weniger

eine "Innere Stimme" als vielmehr ein Gefühl. So, wie man manchmal Dinge ganz einfach

wusste, ohne zu wissen, woher man das Wissen hatte. Es war ganz einfach da, und es war eine

Tatsache.

Schließlich fiel Donny in einen traumlosen Schlaf.

Camo hatte an diesem Vormittag nicht wirklich viel zu tun, als die ersten Sonnenstrahlen

ihren Weg durch das mit orangenem Kristallglas verkleidete Kuppeldacht der Bibliothek fielen.

Trotzdem war er gereitzt und im Stress, denn auf seinem Schreibtisch stapelten sich riesige Türme

aus Büchern, die nicht einsortiert worden waren. Und das Schlimmste daran: Auch noch völlig

durcheinander! Kochbücher und Bücher über Brückenbau zusammen mit Geschichtsbüchern und

Bücher über albenere Kobold-Witze.

Nun, warum Camo trotzdem "nicht wirklich viel" zu tun hatte? Ganz einfach: Es war schlicht

weg nicht seine Aufgabe, abgegebene Bücher in die Regale einzusortieren, schließlich war er bloß

der Verwalter und wohlbemerkt auch der Besitzer der Bücherei. Schon vor dem Krieg gab es in

Goblinthal nicht wirklich eine echte Regierung oder einen Gemeinderat oder ähnliches. Jeder war

für "seine Sache" alleine verantwortlich, so auch Camo für seine Bücherei. Die Bücher selbst

stammten aus allen Teilen der Welt - er hatte einen Großteil davon auf seinen vielen Reisen selbst

zusammengesammelt. Manche davon waren fast tausend Jahre alt. Auch Camos Reisetagebücher,

Aufzeichnungen und Erfahrungsberichte, die er selbst verfasst hatte, waren in seiner Bücherei

zum Ausleihen im Angebot. Sehr viele Werke enthielten eigens von ihm aufgeschriebene

Geschichten, die er auf seinen Reisen sich hatte erzählen lassen. Geschichten, die seit

Generationen nur mündlich überliefert wurden.

Als Gremlin hatte er es aber nicht immer leicht: Vor allem in Gegenden, wo Gremlins auf der

Speisekarte standen. Am wertvollsten waren gerade Geschichten aus jenen Ländern, in denen

beispielsweise Drachen und Gressil hausten. Und auch bei den Menschen ging es nicht immer

sehr Gremlin-freundlich zu.

Doch jetzt, im stolzen Alter von 97 (Menschen-) Jahren, zog es Camo nur noch selten in die

große, weite Welt. Um genauer zu sein: Nicht mal mehr in die nächste Ortschaft. Um so wichtiger

war ihm, dass die Leute seine Bücher - und die vielen anderen, gesammelten Bücher

selbstverständlich auch - lasen. Mit der Zeit waren auch Bücher hinzugekommen, die die Leute

zu ihm brachten, sodass inzwischen eine riesige Auswahl bestand.

An diesem Vormittag, an dem sich Camo wie bereits erwähnt, über die unsortierten Bücherberge

aufregte, hockte der Gremlin mit der ledrigen, grau-grünen Haut und der kleinen Halbmond-

Brille, gekleidet in einen dunkelroten Umhang, auf seinem Stuhl und begann, das Chaos aus

Büchern zu sortieren, als eine helle, etwas kindlich klingende Stimme zu ihm sprach:

"Ähm, hallo?! Ich habe da eine Frage ..."

Camo knurrte, ohne aufzublicken: "Die Bilderbücher sind im ersten Stock, Kleiner."

Ein fassungsloses Schnauben war die Antwort. Camo blickte auf und wollte sagen, dass er im

Augenblick keine Zeit hatte, als er sein Gegenüber sah. Vor ihm stand ein Pixy, mit pastellgrüner

Haut, hellblonden langen Haaren und türkisfarbenen, großen, mandelformigen Augen. Pixies

hatten auf manche Wesen eine ganz besondere Wirkung: Ihr Aussehen bewirkte oft das Gefühl

von Erheiterung. Spontanes "Och, wie niedlich!" war nicht selten zu hören. Aber auch Hohn und

Spott waren keine Seltenheit, da vor allem männliche Pixies nicht wirklich maskulin wirkten.

Camo gehörte eher zu der Sorte von Wesen, die ein freudiges Gefühl von Herzklopfen und auch

Heiterkeit verspürten, wenn sie einen Pixy sahen. Sein Gesicht strahlte augenblicklich und seine

Mundwinkel verzogen sich zu einem Lächeln. Der junge Pixy vor ihm trug eine dunkelrote,

spitze Mütze und eine grüne, ärmellose Weste. Und er blickte ihn erwartungsvoll an.

Schließlich räuserpte Camo sich und wurde wieder ernst: "Oh, entschuldigung. Wie kann ich

helfen?"

Der Pixy reichte ihm ein rotes Buch.

"Das habe ich gestern in der Stadt gefunden. Jemand muss es verloren haben, und ich dachte ..."

Der Gremlin nickte. "Ich sehe schon, die Siegelprägung ist zwar die unserer Bücherei, aber das

Buch selbst ist Privateigentum."

Er blickte den Pixy wieder an. "Ihr müsste wissen, dass meine Angestellten alle solch ein Buch

besitzen, allerdings mit leeren Seiten. Ich selbst habe eine Unmenge davon auf meinen vielen

Weltreisen vollgeschrieben. Das meiste, was hier in den Regalen rumsteht -" Camo machte eine

entsprechende Handbewegung zu den vielen Regalen, die sie umgaben. "- sind handschriftliche

Dokumente und mühsam zusammengesammelte Geschichten und Berichte."

Camo beugte sich über den Schreibtisch und sagte etwas leiser zu dem Pixy: "Manches davon

habe ich selbst erlebt, anderes, naja, sagen wir, ist hinzugedichtet."

Der Pixy schnitt eine Grimasse und sagte: "Ich, ähm, würde den Besitzer dieses Buches gerne

kennen lernen."

Wieso willst du das?, fuhr es Donny durch den Kopf. Gib` dem Gremlin das Buch und geh`

einfach wieder.

"Vielleicht will er oder sie sich bei mir bedanken.", fügte Donny schnell hinzu, als wolle er sich

vor seinen eigenen Gedanken rechtfertigen. Natürlich ging es ihm nicht darum, einer Geste der

Höflichkeit nachzugehen; er wollte den Autor dieses wundervollen und geheimnisvollen Gedichts

kennen lernen.

Der Gremlin nickte. "Wie ist Euer Name? Ihr seid ein Pixy, nicht wahr? Ich bekomme nicht alle

Tage einen Pixy zu Gesicht, wisst Ihr, und ..."

"Mein Name ist Donny, und ja -" Er verschränkte die Arme und seufzte. "Ich bin ein Pixy.

Mischwesen aus Kobold und Fee, wie die Legenden erzählen."

Der Gremlin-Bibliothekar erhob sich, streckte seine dürre Hand aus und nach kurzem Zögern

ergriff Donny die Hand mit den langen Krallen und schüttelte sie.

"Camo. Auch Meister Camo genannt. Sehr erfreut, Euch kennen zu lernen, Donny!", rief Camo

begeistert. Dann bedeutete er Donny, ihm zu folgen.

"Dann kommt mal mit. Pock - ihm gehört das Buch - ist im Archiv." Leise murmelnd fügte er

noch hinzu: "Wollte sowieso gerade mit ihm über den Bücherberg sprechen, der noch nicht

einsortiert ist. Ist ja nicht meine Aufgabe, wozu hat man denn Personal ..."

Der Gremlin murmelte und grummelte noch weiter vor sich hin, doch Donny konnte nicht alles

verstehen.

Donny folgte dem Gremlin, der etwa einen Kopf kleiner war als er selbst, in den hinteren Teil

der Bücherei, wo die Regale bis unter die Decke reichten und das Sonnenlicht, welches durch die

orangene Kristallkuppel fiel, etwas abgeschirmt wurde, und somit für eine Art Zwielicht sorgte.

Der Boden der Bücherei, die insgesamt ein einziger, großer runder Raum zu sein schien, war mit

orangenem Teppichboden ausgelegt.

"Pock!", rief Camo mit erhobener Stimme. "Hier ist jemand, der dein Buch gefunden -"

"Was ist denn - Ich hab` zu tun!"

Donny erschrak, als er diese Stimme hörte. Sie kam ihm sehr bekannt vor - die gleiche, etwas

kehlige und zugleich rauchige Stimme eines scheinbar ständig genervten und miesepetrigen

Wesens hatte er doch vernommen, als ...

Quasi zur selben Zeit, als Donny diese vertraute Stimme vernahm tauchte wie ein Gespenst aus

dem schattigen Zwielicht hinter einem Regal voller schwarzer Bücher ein grimmig

dreinblickendes Wesen mit wirr ins Gesicht hängenden schwarzen Haaren und blauer Haut auf.

Die giftgrünen, stechenden Augen starrten Donny einen Herzschlag lang an, dann entfuhr beiden -

Donny und dem Goblin - zur selben Zeit ein "DU?!"

Dananch starrten sie einander schweigend an.

"Öhm", brach Camo unsicher das Schweigen. "Ihr ... kennt Euch?!"

Der Goblin schnaubte und trat mit Fäusten in den Hüften auf die beiden zu. Er trug wieder sein

schwarzes Gewand - mit aufgebauschten, knapp über den nackten Fußknöcheln endenden

Hosenbeine und armfreiem Oberteil - jedoch ohne den roten Umgang.

"Was will du hier, Possenreißer?!", fragte der Goblin gereizt, und entblößte dabei seine langen

Unterkiefer-Zähne, die wie die Hauer eines Wildschweins aussahen.

"Ich, äh ..."

Hat dieser blaue Miesling mich tatsächlich Possenreißer genannt?! dachte Donny brüskiert.

Gut, seinen Berufsstand konnte man schon als "Possenreißer" bezeichnen, aber Donny hörte es

viel lieber, wenn man ihn Gaukler oder Artist, oder auch Clown nannte, obwohl Letzteres nicht

mehr so richtig auf ihn zutraf.

Der Goblin musterte ihn. "Na? Ich warte! Warum stört mich der grüne Kümmerling mit den

Kinderärmchen?!"

Donny machte den Mund auf, um etwas zu erwidern, doch Camo kam ihm zuvor:

"Was sollen diese Kinderreien?! Pock, benimm` dich gefälligst. Dieser junge ... ähm ... dieser

junge Herr hat dir dein Buch zurück gebracht - das DU gestern in der Stadt verloren hast."

Pock sah Camo an, dann fiel sein Blick wieder auf Donny.

(Sein Herz schlägt sehr schnell, ich kann es spüren.)

"Es stimmt", sagte Donny. "Bei der Parade gestern war sehr viel los. Jemand rempelte mich an,

und plötzlich lag das Buch vor mir auf dem Boden."

Der Goblin trat einen weiteren Schritt auf Donny zu, und im Gegensatz zu ihrer ersten

Begegnung einen Tag zuvor fiel Donny auf, dass er und der Goblin gleich groß waren, wenn auch

seine Oberarmmuskeln längst nicht so ausgeprägt waren wie seine "Kinderärmchen".

Pock musterte ihn misstrauisch. "Komisch", murmelte der Goblin. "Ich war fest davon

überzeugt, dass es mir gestohlen worden ist."

"Gest... Ich - das ist eine Unverschämtheit!"; schnappte Donny. Er war von Natur aus sehr

gemütsam und auch geduldig, aber jetzt brauchte ihn dieser blaue Miesling echt auf die Palme!

Pock riss Camo förmlich das Buch aus den Klauen und betrachtete es. "Ja ja, reg` dich ab, schon

gut. Possenreißer und Pixie-Zwerge haben eh` nicht das Zeug zu so was."

Eine ganze Weile herrschte Schweigen. Camo drehte sich zu Donny um und sagte flüsternd:

"Nimm` es ihm nicht übel. Pock ist nun mal so. In Wirklichkeit ist er dir bestimmt dankbar ..."

Donny sah, wie eines von Pocks großen Ohren, welche die Form von Fledermausflügeln hatten,

zuckte. Der Goblin sah auf und knurrte: "Das habe ich gehört, Meister Camo. Bedanken? Wofür?

Eigentlich sollte der Zwerg mir dankbar sein."

Donny stemmte die Hände in die Hüften. "W-w-was?!"

"Eigentlich mische ich mich nie in die Angelegenheiten anderer ein, aber ich war gerade im

Training, und die beiden Trottel, die ihn aufmischen wollten, kamen gerade recht." Er verzog

seinen Mund zu einer Art Grinsen. "Damit wären wir ja dann wohl quitt, oder nicht?!"

Mit diesen Worten wandte sich Pock ab und ging in seinem Buch blätternd zurück zu jenem

Regel, an dem er gerade gearbeitet hatte.

"Bring' mich dorthin, wo der Zauber wirkt,

wo selbst die Dunkelheit des Todes uns nicht trennen kann.

Ist das von dir?", rief Donny Pock hinterher - es war eine spontane Entscheidung, und die Worte

des Gedichts kamen aus seinem Mund, ohne dass er vorher darüber nachgedacht hatte.

Der Goblin blieb abrupt stehen.

Wieder das Herzklopfen ... Aber Donny spürte nicht nur sein eigenes Herz schneller schlagen,

sondern auch noch ein zweites.

Es war Pock`s Herz! In diesem Moment wurde Donny klar, dass er Pock`s Gefühle

irgendwie ... mitfühlte.

Der Goblin wirbelte herum, sprang Donny regelrecht an und packte ihn am Kragen.

"Sprich` mich NIEMALS mehr an, hast du verstanden?!", brüllte er, stieß Donny von sich und

stapfte mit seinen großen nackten Patsch-Füßen weg und verschwand hinter einem Regal.

Donny stand mit zittrigen Knien und vor Fassungslosigkeit offen stehenden Mund da.

Camo berührte ihn am Arm. "Komm`, lass` es gut sein, mein Junge. Pock ist nun mal so. Lass`

ihn einfach seinen Frieden."

Langsam gingen sie wieder zurück. Sie erreichten wieder den Eingangsbereich der Bücherei,

und während Camo sich wieder an seinen Schreibtisch setzte, wagte Donny eine letzte Frage:

"Ist Pock tatsächlich ein Goblin?"

Camo schnitt eine Grimasse, aber dann grinste er. "Wieso? Zweifelst du daran?"

"Naja", begann Donny nachdenklich. "Goblins sind eher dafür bekannt, dass sie ... ich weiß

nicht so recht, wie ich es ausdrücken soll ..."

Der Gremlin seufzte. "Du kannst es ruhig aussprechen, mein Junge: Goblins sind in der Regel

dürre, dumme Wesen die in feuchten Höhlen hausen und sich gegenseitig die Rübe einschlagen."

Er nickte. "Die wenigsten von ihnen sind als muskelbepackte Krieger bekannt, die Schwächeren

Prügel anbieten, ich weiß, ich weiß."

Camo beugte sich vor und sagte mit gedämpfter Stimme: "Nicht alle sind so. Einige haben im

großen Krieg gegen den Dämonenfürsten gekämpft, weißt du. Pock war damals noch ein

Jüngling, wollte aber unbedingt mit in den Krieg ziehen."

"Also hat der Krieg ihn so verbittert?!"

"Nee, eben nicht.", sagte Camo. "Pock bekam erst gar keine Gelegenheit, zu kämpfen. Und jetzt

-"

"- hat er das Gefühl, nichts bewirkt zu haben und fühlt sich nutzlos.", beendete Donny den Satz.

Der Gremlin starrte den Pixy überrascht an. "Öhm, genau das wollte ich gerade sagen. Woher ..."

"Ich hatte da so ein Gefühl.", sagte Donny wahrheitsgemäß.

"Nun ja, wie auch immer", sagte Camo, und während er sprach begann er, die Bücher zu

sortieren, die sich auf seinem Schreibtisch auftürmten. "Am besten, du lässt ihn in Ruhe. Pock

macht sich nichts aus Gesellschaft oder gar Freunden."

Als Donny die Bücherei verließ und auf die ziemlich belebte Straße trat fühlte er sich

sehr schlecht. Er hatte das Gefühl, jemanden zurück zu lassen, der eigentlich nach Hilfe rief. Und

es war mehr als Intuition oder vielleicht das ehrenvolle Verlangen, anderen zu helfen. Es war auch

mehr als ein Gefühl, das er empfand. Es war mehr als das: Er spürte Pock`s Gefühle, Er verstand

sein Verhalten, verstand seine Verbitterung, konnte jedoch nicht beurteilen, ob er, Donny, der

Pixy-Gaukler und "Possenreißer" derjenige war, der ihm helfen konnte oder gar sollte.

Langsam trottete er die Straße entlang in Richtung Zirkusgelände, während er nachdachte.

Was kümmert mich dieser Goblin? Er ist ein Miesling, ein Grobian. Er hat mir nicht wirklich

geholfen, sondern wollte sich eben mit diesen zwei Blödmännern von gestern prügeln, mehr

nicht.

(Wesen, die unhöflich und grob sind, suchen meist Anerkennung bei anderen Wesen)

Das gilt vielleicht bei den Menschen, die immer solche Weisheiten auf Lager haben, aber hier

haben wir es mit einem Goblin zu tun. Goblin - gehört zur Rasse der Kobolde und Orks. Ziemlich

unbeliebte Zeitgenossen, die wenig Wert auf Sitte und Kultur legen. Und noch weniger auf

Körperpflege oder Manieren.

(Pock sah doch sehr gepflegt aus. Und dumm scheint er auch nicht zu sein.)

Donny hatte nichts gegen Goblins generell. Irgendwie mochte er auch jene dürren, leicht

beschränkten Zeitgenossen, die mit nichts wie mit einem zerschlissenen Lendenschurz in Höhlen

hausen und armen Wandersleuten und Abenteurern auflauern, um ihnen Essen und Kleidung zu

stehlen. Er selbst gehörte - ähnlich wie die Elfen - einer Rasse an, die als "Kasper" und

"Quasselstrippen" verschrien ist. Pixies - Mischung aus Kobold und Fee. Feen waren die "reinsten

Wesen" noch vor den Elfen. Sie existierten jedoch nur noch in Legenden. Eine Legende erzählte

davon, dass Feen Wünsche erfüllen konnten. Kobolde hingegen waren schon immer als

Spaßmacher bekannt. Ohne erkennbaren Grund spielten sie - am liebsten den Menschen - immer

wieder Streiche. Von harmlosen Späßen bis hin zu gefährlichen Streichen. Eine "Mischung" aus

diesen beiden völlig unterschiedlichen Wesen war - jedenfalls nach Ansicht der meisten

Menschen - einfach nur "abartig" und ein "totaler Widerspruch".

Goblins wurden nicht weniger skeptisch angesehen: Woher kamen sie? Wer brauchte sie schon?

"Die sind so dumm und primitiv, dass sie eigentlich gar keine Rechte haben.", soll während dem

Krieg es immer wieder geheißen haben.

Donny war fast zu Hause angelangt, als er einen Entschluss fasste: Er wollte mehr über Goblins

erfahren. Vielleicht konnte er dann auch besser verstehen, warum er solch eine Verbindung zu

Pock verspürte.

Während der ganzen Zeit, als Donny in Gedanken versunken auf dem Heimweg war bemerkte er

nicht, dass er beobachtet und verfolgt wurde.

Den ganzen Abend über wollte Donny Pocks Gesichtsausdruck nicht aus dem Kopf

gehen: Diese vorstehenden Augenwülste, unter denen zwei giftig grüne Augen hervorstachen; die

hochgezogene, breite Nase, die langen Eckzähne ... Er hatte einen verbitterten Gesichtsausdruck,

wie jemand, der in seinem Leben mehr Enttäuschung als Anerkennung erfahren hatte. Jemand,

der das Leben satt und seinen Glauben an das Gute verloren hatte. Und irgendwie faszinierte der

Goblin Donny; er hatte etwas Drahtiges, auf den ersten Blick Schwächliches: Große, breite Füße,

aber schlanke Fußknöchel und Beine, lange, schmale Finger die eher an die Klauen eines Tieres

erinnerten und dann diese großen Ohren, die die Form von Fledermausflügeln hatten. Den

meisten Menschen und auch Elfen machte das Erscheinungsbild eines Goblins Angst, weil diese

Wesen gefährlichen Raubtieren glichen. Und genau das faszinierte Donny so sehr: Er glaube

nicht, dass in dieser blauhäutigen Hülle ein Raubtier steckte.

Die Vorstellung war vorbei, wieder ein Abend zu Ende, an dem Donny der Welt den lustigen

Gaukler, den Clown, den Possenreißer, vorgespielt hatte. Wieder ein Tag verstrichen, den er ohne

Simly verleben musste. Wieder ein Tag der inneren Einsamkeit.

"Denke ich deshalb ständig an diesen durchgeknallten Goblin?!", fragte er sich laut, während er

hinter dem Zirkuszelt auf dem Zaun saß, der das Gehege für die Ponys umgab. Er trug noch sein

Gauklerkostüm und seine Schminke. Die Gäste waren gerade dabei zu gehen, und eigentlich

sollte Donny an diesem Abend am Zeltausgang mit Norin sie mit ein paar Kunststücken

verabschieden, aber ihm war nicht danach. Ihm war schon lange nicht mehr danach. Doch im

Gegensatz zu früher, als Donny regelmäßig mit dunklen, depressiven Gedanken dieser Tradition

fernblieb, blieb er an diesem Abend aus anderen Gründen fern: Er brauchte Ruhe zum

Nachdenken.

"Immer, wenn ich an ihn denke"; sagte er wieder nachdenklich laut zu sich selbst. "fühle ich

etwas. Ich fühle Zorn und auch Ohnmacht."

"Mit wem redest du?!"

Donny drehte sich erschrocken um und sah Sela, die Wahrsagerin des Zirkus, die gerade dabei

war, nach den Ponys zu sehen.

Sela war eine Menschenfrau mittleren Alters und schon seit ihrer Kindheit beim Zirkus. Donny

kannte sie jedoch nicht gut genug um zu wissen, ob sie nun wirklich wahrsagen konnte, oder

einfach nur geschickte, verblüffende Tricks vollführte.

Er stieg vom Zaun und ging auf die zu. "Ach, ich weiß nicht.", sagte er seuftzend.

Sela legte fragend den Kopf zur Seite und hob eine Augenbraue.

"Ja, ich denke laut nach.", sagte Donny schnell und streichelte eines der Ponys, das zu Sela

gekommen war.

"Du weißt, dass ich alles weiß, oder Donny?"

"Das behauptest du jedenfalls."

"Wahrsagen bedeutet", begann Sela mit ihrer stets ruhigen, geduldigen Stimme. "in die Herzen

der Menschen - oder Pixies - zu sehen. Sehen bedeutet nicht, bis ins letzte Detail alles haargenau

zu wissen, was einem oder einer so passieren wird."

Donny schwieg. Sela hatte so etwas an sich, dass einen immer dazu veranlasste, zu zuhören.

Kaum jemand wagte es, ihr ins Wort zu fallen oder zu widersprechen. Vielleicht machte das die

Faszination von Wahrsagern aus - es waren Wesen, denen man einfach zuhörte.

Nach einer Pause des Schweigens sagte Sela mit einem leicht amüsierten Unterton: "Weißt du,

ich sehe nicht nur die Zukunft, sondern auch die Vergangenheit. Ich sehe blaue Hände, blaue Füße

- an die du übrigens ständig denken musst - "

Donny starrte sie zuerst erschrocken, dann verlegen an, unterbrach Sela aber nicht.

"- und giftig grüne Augen. Der Goblin hat dich gerettet, aber nicht so, wie du vielleicht glaubst."

"Diese beiden Kerle wollten mir ans Leder.", erklärte Donny. "Pock war zufällig in der Nähe. Er

hat mich nicht wirklich gerettet, sondern hatte einfach nur Lust sich zu Prügeln. Ich war ihm

egal."

"Oh, ich bin mir da nicht so sicher.", sagte Sela und lachte leise. "Weißt du, bei den Menschen

gibt es eine Redensart: 'Man begegnet sich immer zweimal im Leben, aber wenn es eine dritte

Begegnung gibt, dann ist es mehr als nur ein Zufall'."

"Och nö - kommst du mir jetzt mit Schicksal und so ein Zeug?", stöhnte Donny. "Ausserdem,

warum erzählst du mir das alles? Ich habe kein Problem, und ich habe dich auch nicht darum

gebeten ..."

"Ich bin es nicht, der laut über Leute nachdenkt, die ihm egal sind."

Donny gab sich schon lange keine Mühe mehr Sela danach zu fragen, ob sie diese Dinge

wirklich wusste oder nur riet.

"Ich habe nichts davon gesagt."

"Nicht die Worte die man sagt, sondern die Worte, die man so vehemmend nicht sagt, sind

wichtig.", sagte Sela ruhig. "Deine Augen, dein Gesicht, ja, deine ganze Körperhaltung verflucht

diesen Goblin. Weil er so grob und beleidigend ist. Weil er keine Manieren hat oder Dankbarkeit

dir gegenüber zeigt. Doch deine Worte - jene, die du nicht aussprichst - sagen, dass dich dieser

Goblin beschäftigt."

Donny lachte verlegen auf um Sela`s Worte ein wenig zu entwaffnen; ein Lachen, das sagen

wollte: 'Ach nein, jetzt liegst du ganz daneben.' Oder auch 'Ha - Guter Witz!'.

"Wieso sollte er mich beschäftgen? Er ist ein Grobian, und ausserdem kenne ich ihn nicht." Er

wandt sich von Sela ab und blickte nach Westen, wo die Sonne hinter dem Gebirge schon vor

einer ganzen Weile untergegangen war. "Dieser durchgeknallte, blöde Goblin ist mir völlig egal."

Sela lächelte und nickte. Sie trat neben Donny, stützte sich mit den Ellenbogen auf dem Zaun ab

und blickte ebenfalls zum Gebirge, das im Mondschein silbern schimmerte.

"Weißt du, man erzählt sich die Legende, dass Pixies - dein Volk - die Fähigkeit besitzen,

Gefühle und Wünsche anderer Wesen spüren zu können. Es sei so, als wären es die eigenen

Gefühle. Und auch die eigenen Sehnsüchte. Muss an der Verwandtschaft zu den Feen liegen."

"Was willst du mir damit sagen?"

"Gar nichts. Vergiss es einfach." Sela lächelte freundlich. "Ich rede viele solcher Dinge."

"Soll das heißen" - Donny ließ sich nicht einfach abspeisen, sondern beharrte auf eine Antwort.

"Dass ich die Gefühle dieses Goblins spüre? Dass ich auf ihn vielleicht noch zugehen sollte?! Wie

stellst du dir das vor? Selbst wenn ich ..." Er hielt inne, ringte mit den Worten. "Selbst WENN ich

ein bißchen Interesse daran hätte, was der Goblin so macht, hätte ich keine Chance. Er hasst

meinesgleichen nämlich."

Er wandt sich ab und fügte mit leiserer Stimme hinzu: "Wenn es das ist, was du willst, dann

muss ich dich enttäuschen."

"Ich? Ich will gar nichts.", sagte Sela ruhig. "Wir unterhalten uns nur, oder?"

Nach einer langen Pause des Schweigens - fügte die Wahrsagerin hinzu: "Die Frage ist nur, ewas

du willst, Donny."

Dann drehte sie sich um und steuerte auf ihren Wohnwagen zu, der hinter dem Ponygehege

stand.

Er brauchte frische Luft, brauchte Abstand, Bewegung ...

Donny stapfte durch den Wald hinaus auf das Plateau der Felsen, leise vor sich hermurmelnd.

Noch immer trug er sein Gauklerkostüm und die Schminke im Gesicht. Er hatte völlig vergessen,

sich abzuschminken oder umzuziehen - normalerweise war dies das erste, was er nach jeder

Vorstellung tat, aber an diesem Abend nicht. Viel zu erregt, viel zu empört und wütend war er. Es

war, als wäre ein Teil seines Geistes gar nicht in dieser sondern in irgend einer anderen Welt, so

wie es vielen erging, die endlose Monologe mit sich selbst führten, weil sie im Zwiespalt waren;

weil sie unzufrieden, erregt oder aufgewühlt waren. Sie sprachen mit sich selbst und doch nicht

mit sich selbst. Manche Menschen nannten es "Beten"; diese mysteriösen Selbstgespräche mit

einem imaginären Etwas.

Manchmal konnte diese Art der Abreaktion von Gefühlen gefährlich werden - wie Donny an

diesem Abend erfahren musste, doch noch war er sich dieser Gefahr nicht bewusst. Der Mond

erhellte die Landschaft aus bizarren Felsen und Bergen um ihn herum, die immer weniger von

grüner Vegetation, dafür um so mehr von grauen Steinen und Felsen geprägt wurde.

"Die Gefühle anderer Wesen spüren ... Schicksal ... es gibt keine Zufälle ..."

Sein Herz schlug immer heftiger, vor allem, wenn er an die giftgrünen Augen und die die in

ihnen glühende Wildheit dachte.

"Was ist nur los mit mir ... Hasse ich jemanden, der mir am Hintern vorbeigehen kann, oder ..."

Plötzlich hörte er hinter sich das Geräusch von aufflatternden Vögeln, die durch irgendetwas

(oder irgendjemanden) erschreckt wurden. Ein breiter, finsterer Schatten hüllte den Pixy ein, und

er spürte auch wieder etwas, doch es waren definitiv seine eigenen Gefühle: Angst.

Bevor Donny sich umdrehen oder einfach weglaufen konnte, wurde er von zwei riesigen

Pranken an den Schultern gepackt und in die Luft gehoben. Die Pranken waren etwa so groß wie

Katzen, eine grüne, schuppige Haut und endeten fünf Fingern mit langen, gelben Krallen.

Ein beißender Gestank erfüllte die Luft - eine Mischung aus Schwefelgeruch und Klärschlamm.

Donny kam jedoch nicht dazu, dass ihm übel wurde; dazu hatte er viel zu viel Angst.

"BOOORAAAH RAAAAAAH HAAAA HAAAA!!!" dröhnte es ohrenbetäubend laut durch die

Luft, und Donny glaubte fest daran, dass nicht nur er sondern die ganze Welt sterben und

untergehen würde! Monster überfielen die Welt und machten alles platt. Aber vorher würden sie

noch schnell alle Pixies fressen. Ja, so hörte und fühlte es sich an.

Doch der Anblick des Monsters war noch viel schlimmer: Es war ein Felsendrache! Donny

kannte diese Wesen aus einen Buch, von dem es eigentlich hieß, es sein ein Märchenbuch. Nun,

entweder ein Zauberer hatte es geschafft, Märchen-Monster zum Leben zu erwecken, oder das

Märchen war gar kein Märchen, sondern bitterte Realität. Wie auch immer - das Märchen vom

Felsendrache war gerade dabei, Donny den Pixy-Gaukler in seinem Gaukler-Kostüm zu

verspeisen. Seltsam, er hätte es niemals für möglich gehalten, in seinem Kostüm und mit

Schminke im Gesicht zu sterben.

Der Felsendrache umklammerte den dürren Brustkorb des Pixys so fest, dass er kaum noch

atmen konnte, und war gerade im Begriff, seine Beute - die wie ein Bonbon in seidenem, rotblauem

Stoff eingewickelt war - sich ins riesige Maul zu schieben, als die Klauen urplötzlich

Donny wieder freigaben und auf den steinigen Boden fallen ließen. Donnys Narren-Kappe flog

durch die Luft und die Schellen klingelten, als sie neben dem Gaukler auf dem Boden landete.

Donny nutze die Gunst der Stunde und rollte sich seitlich weg, weil er glaubte, der Felsendrache

würde wieder nach ihm schnappen.

Mit dem Gesicht im Staub lag Donny auf dem Bauch. Der Staub war so dicht, dass er husten

musste, und seinen Kopf hob, um atmen zu können.

"Bleib' unten, du Narr!", zischte eine heisere Stimme, und Donny spürte, wie ein nackter Fuß

seinen Kopf wieder auf den Boden in den Staub presste.

Trotz dieser Aufforderung, die mit einem Fußtritt noch unterstrichen worden war, hob Donny

den Kopf wieder und sah vor sich ein paar nackter blauer Füße und sehr dürre, drahtige Beine. Er

rieb sich die tränenden Augen und sah ihn - IHN - mit dem Rücken zu sich gewandt und mit

nichts als einem Lendenschurz bekleidet vor dem Felsendrachen stehen.

"Ach du Schreck - der durchgeknallte Goblin!", keuchte Donny und versuchte, sich wieder

aufzurappeln. Doch es gelang ihm nicht; seine Knie waren weich wie Pudding und gaben wieder

nach. Auf allen Vieren krabbelte Donny zur Seite und wich den Steinen aus, die der Felsendrache

versuchte auf den Goblin zu schleudern, der ebenfalls gekonnt auswich.

Dann ging alles sehr schnell: Donny sah, dass Pock diesmal eine zweischneidige Axt als Waffe

trug. Er sprang so schnell und elegant durch die Luft, dass man hätte meinen können, der Goblin

könne fliegen. Bei dieser Gelegenheit konnte Donny erkennen, dass der Goblin weit weniger

muskulös war, als es den Anschein gehabt hatte - Pock war dürr, schlaklig, hatte aber kräftige

Beine und Arme. Er holte mit der Axt aus und ließ sich auf der Schädelplatte des Felsendrachens

niederfallen. Das Monster schüttelte sich und versuchte mit seinen riesigen Pranken den blauen

Störenfried einzufangen, was dem Ganzen eine gewisse Komik gab: Donny erinnerte die Szene

an eine entnervte Person, die versuchte,eine Fliege mit bloßer Hand zu fangen.

Pock huschte wie eine Spinne an dem massiven Körper des Monster empor und schlug abermals

zu, diesmal von hinten, wobei eines der Hörer auf der Schädelplatte abbrach. Der Felsendrache

heulte gequält auf, schüttelte sich ein letztes mal, wobei Pock durch die Luft geschleudert wurde,

und sprang über die Felsenklippe und verschwand in der Dunkelheit der Nacht

Der Goblin drehte sich im Fallen in der Luft geschickt um und landete federnd auf der Erde, was

Donny an eine Katze erinnerte, die ja auch immer auf "allen Vieren" landete, und das meist

unverletzt.

Donny hockte auf seinem schmerzenden Hintern im Staub und starrte den Goblin an, der

aufblickte und ihn ebenfalls einen Herzschlag lang anstarrte. Seine tiefschwarzen Haare hingen

ihm wirr ins Gesicht. Dann stand er auf, stemmte seine Hand in die Hüfte, während seine andere

Hand den Griff seiner Waffe umfasste und schnitt eine Grimasse.

"Bist du verletzt?"

Donny, der immer noch im Staub saß, starrte den Goblin baff an. Dann blickte er musternd an

sich selbst herab, entdeckte das eine oder andere Loch in seinem Kostüm, ein paar Abschürfungen

an seinen Händen und bemerkte, dass seine Narrenkappe völlig verdreckt neben im auf der Erde

lag.

Dann sah er wieder hoch und erblickte etwas unglaubliches: Der Goblin streckte seine Hand

nach ihm aus: Eine große Hand, mit langen Fingern. Eine Klauenhand. "Komm, ich helfe dir

hoch."

Donny ergriff sie, ließ sich vor Pock auf die Beine helfen, und riss sich sofort wieder los.

"Seit wann interessiert es dich, stolzer Krieger, wie es einem Possenreißer ergeht, hm?!",

murmelte Donny und klopfte sich den Staub von seinem Kostüm.

"W-wa ..." Pock war sichtlich überrascht und empört. "Was fällt dir ein?! Ich habe dir das Leben

gerettet, ist dir das eigentlich klar?!"

Donny bückte sich und hob seine Narrenkappe auf.

"Ist mir schon klar.", sagte er. "Aber ich frage mich, warum du das ständig tun musst. Verfolgst

du mich etwa und wartest darauf, mich zu retten?" Er blickte Pock fragend an. "Ich haben

jedenfalls den Eindruck."

Pock`s Augen funkelten, und die Wut-Falte auf seiner Stirn wurde tiefer. "Was glaubst du

eigentlich, wer du bist?! Glaubst du, ich habe nichts Besseres zu tun, als einem mickrigen Pixy

nachzulaufen oder was?!"

"Was tust du sonst mitten in der Nacht in dieser -" Donny musterte Pock`s Kleidung, die nicht

mehr als ein roter Lendenschurz aus Leder war.

"Verkleidung unterwegs und ausgerechnet dann zur Stelle, wenn ich in Gefahr gerate?"

"Ich habe im Wald trainiert!", sagte Pock, und es klang viel zu spontan, als dass es eine

Ausreden oder Lüge hätte sein können. "Oder glaubst du etwa, ich laufe in diesem Gewand

immer durch den Wald?!"

Donny blieb jedoch trotzdem misstrauisch.

"Du trainierst? Sieht man dir gar nicht an.", spöttelte der Pixy. "Aber man sagt euch Goblins ja

sowieso nach, dass ihr nicht viel auf die Rippen bekommt. Vielleicht sind deshalb so wenige

Kriegshelden unter euch Goblins bekannt."

"Was soll das heißen?!" Pock flüsterte diese Worte, kaum hörbar. "Was erlaubst du dir eigentlich

mit diesem Pixy-Gequatsche, hä?! Zeigst du so deine Dankbarkeit?"

Donny verschränkte die Arme. "Dankbarkeit? Du spielst den großen Retter, und dann beleidigst

du mich. Und wo war übrigens deine Dankbarkeit, als ich dir dein Buch wieder gebracht habe?!"

Pock öffnete den Mund und wollte etwas sagen, doch er verharrte, seufzte und kehrte Donny den

Rücken zu.

"Ja, geh' weg!", rief Donny ihm hinterher. "Hau' ab, solch einen falschen Hund brauche ich

nichts als Freund! Wenn das die feine Goblin-Art ist, dann lasse ich mich das nächste mal lieber

von einem Monster fressen als mich von solch einem Heuchler retten zu lassen!"

Der Goblin blieb abrupt stehen. "Freund?", sagte er leise. "Was meinst du damit?"

Jetzt war Donny der Sprachlose: Hatte er wirklich gesagt, dass er einen Freund wie Pock nicht

brauchen könne? Waren ihm diese Worte so herausgerutscht? Oder waren es diese ...

Gefühle des Goblins ... so fühlt Pock, der Goblin ... es ist ...

"Es ist deine Art, mit mir Kontakt aufzunehmen ...", flüsterte Donny, erschrocken über diese

Erkenntnis.

"Kontakt ...?!" Pock zeigte Donny noch immer seinen Rücken, dessen Haut im Schein des

Mondes silbern-blau schimmerte.

"Was war es ...", fragte Donny nachdenklich, und ging langsam auf Pock zu. "Welches Erlebnis

hat bei dir diese Art zu leben ausgelöst?"

"Ich weiß nicht, was du meinst.", sagte Pock. Er sah Donny immer noch nicht an.

"Zu meinen", fuhr Donny fort. "nur im Augenblick der Gefahr auf andere zugehen zu können.

Du bist grob, unhöflich und abweisend. Aber droht Gefahr, spielst du den Helden. Du sprichst

mich nicht an, du grüßt mich nicht, du bist nicht freundlich zu mir oder bedankst dich dafür, dass

ich dir dein Buch wiederbringe. Du zeigst diese Gefühle, indem du mich rettest. Vor Schlägern,

vor Monstern ..."

Donny blieb dicht hinter Pock stehen, so dicht, dass der Pixy den Geruch des Goblins

wahrnehmen konnte, seinen bebenden, bloßen Oberkörper sehen konnte.

"Welches Erlebnis ... es gab da ein Erlebnis, das dich zu dem gemacht hat, was du heute bist. Ich

spüre es ..."

"Krieg" fiel Pock Donny ins Wort. Er denkte den Kopf und sprach das Wort nochmals aus, doch

diesmal klang es wie ein seuftzendes Ausatmen: "Es war der Krieg ..."

Donny ging um Pock herum und blieb vor ihm stehen. Der Goblin hob seinen Kopf und blickte

dem Pixy in die Augen. Und da konnte Donny es sehen ... Er sah die Bilder, die Pock vor seinem

Inneren Augen sah ...

Der Dämonenfürst, dessen Namen nicht genannt werden soll, aber dennoch jedem als NECROS

bekannt war, stürzte die Welt in einen furchtbaren Krieg. Alle Goblins sollten sterben, Menschen,

Pixies und Elfen als Sklaven den Dämonen dienen. Dieser Krieg war jenseits aller politischen

oder ideologischen Interessen, die man sich vorstellen konnte - NECROS war kein Herrscher,

kein Fürst der Ansprüche auf Macht oder Reichtum hatte. Er war eine Krankheit, die das Land

infiziert und zum Untergang verdammt hatte.

Alle Völker hatten sich gegen ihn verbündet. Alle kämpften um ihr Überleben. Es ging nicht

darum, Recht zu bekommen, nicht darum zu entscheiden, welches Stück Land oder welches Gold

wem gehören sollte. Es ging um das Überleben. Um das Bewahren des eigenen Volkes, der

eigenen Lebensart.

NECROS Armee, die aus zum Leben erweckten Toten bestand, trieb unzählige Goblins in ihren

Höhlen zusammen. Dort kauerten sie und konnten nur auf ihren Tod warten ...

(Donny sieht das Bild vor sich - er sieht dutzende von blauen Wesen in zerlumpten Kleidern in

ihren Höhlen hocken, sieht die grausigen Wesen mit der weißen, verwesenden Haut die Goblins

mit langen Speeren und Messern bedrohen. Er fragt, warum sich die Goblins nicht zur Wehr

setzen.)

Jedes lebende Wesen, das den Schattenwanderern, wie die lebenden Toten auch genannt wurden,

zu nahe kam, erstarrte in einer Art Lähmung. Die Angst wurde so groß, dass sie einem lähmen

und bewegungsunfähig machen konnte.

(Und einer der Goblins ist Pock - Er sitzt zusammen mit anderen seiner Artgenossen in der

Höhle, umhüllt von den bedrohlichen Schatten der Schattenwanderer, die ihre Waffen auf ihn richten ... )

Das Bild verblasste wieder, und Donny konnte nicht mehr sehen, was dann geschah. Es war die

Vergangenheit, wie Pock sie erlebt hatte, die Donny da sah. Er konnte auch die Angst fühlen, die

Pock damals verspürt hatte, und auch jetzt noch spürte.

"Es gibt Dinge", begann Pock. "die man einmal erlebt, und dann immer wieder erlebt. Jedes mal,

wenn du die Augen schließt, siehst du die Bilder, die du nicht vergessen kannst. Hörst die

Stimmen der Toten, die nicht zur Ruhe kommen. Ich wollte kämpfen, aber ich war ... ich war ...

ich ..."

"Du warst zu schwach.", sagte Donny, und dies schien für Pock wie ein Schlag ins Gesicht zu

sein, denn er funkelte ihn wütend an.

"Schwach? SCHWACH?!"

"Du wolltest in diesem Krieg kämpfen", fuhr Donny unbarmherzig fort. "Aber du bekamst nicht

die Gelegenheit dazu. Deshalb glaubst du jetzt, etwas gutmachen zu müssen. Du konntest deinen

Freunden damals nicht helfen, also versuchst du jetzt denen zu helfen, die in Gefahr sind."

"Das ist nicht wahr ..."

"Warum tutst es dann? Warum beobachtest du mich? Verfolgst mich? Wartest darauf, mich vor

einem Angriff zu retten? Hast du vielleicht dein Buch mit Absicht fallen gelassen, um meine

Aufmerksamkeit zu erregen?"

"Das ist Mist - einen riesen Haufen Mist, den du da verzapfst! Ich hätte das gar nicht nötig ..."

Pock's Hände zitterten und auf seiner Stirn glänzten Schweißperlen.

"Warst du wirklich so zufällig in der Nähe, als mich die beiden Blödmänner verprügeln

wollten?! Was hattest du in der einsamen Gasse zu suchen?!"

Der Goblin wandte sich von Donny an, und machte Anstalten zu gehen. "Das höre ich mir nicht

an ..."

"Warum, weil du Angst hast?!", schrie Donny aufgebracht. "Der große Held und Krieger, der es

mit einem Felsendrachen aufnehmen, aber einem dummen, kleinen Possenreißer nicht in die

Augen blicken kann?! Der Angst davor hat, freundlich und nett zu sein?!"

"Hör' auf, so mit mir zu reden!"; brüllte Pock, wirbelte herum, warf seine Axt neben sich auf den

Boden und ballte die Klauen zu Fäusten.

"Du beobachtest mich", fuhr Donny unbeeindruckt vor. "Verfolgst mich, rettest mich ... und das

nur, weil in deinem Kopf immer noch Krieg ist. Ja, genau so ist es: Am liebsten hättest du diesen

dämlichen Krieg alleine ausgefochten, was?! Und weil nun Frieden ist, suchst du dir einfach ein

Opfer aus, das du dann beschützen kannst, obwohl du das Opfer - mich - doch gar nicht ausstehen

kannst."

"Hör' - end-lich AUF!!"

"Und wenn nicht? Was willst du machen? Mich umbringen?"

Pock's Zittern wurde immer schlimmer. Über sein Gesicht rann Schweiß, er atmete schwer.

Donny fiel dies erst jetzt auf.

"Hey, was ziehst du jetzt wieder für eine Nummer ab? Willst du mir wieder Angst machen?

Mich beleidigen?"

Er ging ganz nahe an Pock heran, blickte ihm in die Augen und sagte kühl: "Soll ich dir was

verraten? Ohne mich! Ich habe keine Lust mehr, zu spie-"

Der Goblin packte Donny's Kopf an den Wangen, zu ihn zu sich heran und küsste ihn so heftig

auf den Mund, dass der Pixy zunächst glaubte, der Goblin wollte ihn erwürgen. Erst einen

Herzschlag später spürte er, dass die Berührung der innig, sehr gefühlvoll war; dass Pock

regelrecht nach Donnys Nähe gierte, wie ein durstiger Wanderer, der nach Tagen in der Wüste

eine Wasserstelle zum Trinken fand.

Donny spürte Pock's Herzschlag gegen seine eigene Brust hämmern, spürte die unglaubliche

Wärme und Wohligkeit, die Pock ausstrahlte; spürte das eigene Verlangen danach, dem Goblin

nahe zu sein.

Die Überraschung, die Donny vor einem Augenblick noch gespürt hatte, wich Leidenschaft,

Glück und Verlangen.

Er umarmte Pock, erwiderte den Kuss, gab sich völlig den kräftigen, starken Armen hin, mit

denen der Goblin ihn umfasste.

Dieser Augenblick schien eine Ewigkeit zu dauern, doch genauso schnell Donny von Pock mit

dem Kuss überrumpelt und überrasscht wurde, ließ der Goblin im nächsten Augenblick wieder

von dem Pixy ab. Er starrte ihn erschrocken an, hauchte ein "Oh nein ... was mache ich hier

eigentlich ... ?!" Und rannte mit Tränen in den Augen einfach davon und ließ Donny völlig

perplex alleine stehen; mit zerzausten Haaren und von einem spontanen und stürmischen Kuss

verschmierter Clowns-Schminke.

Donny starrte eine ganze Weile in die Richtung, in die Pock verschwunden war; glaubte sich in

einem Traum, in dem man sich weder bewegen noch sprechen konnte. Er wollte ihm

hinterherlaufen, doch er war wie gelähmt. Er wollte seinen Namen rufen, doch er war wie stumm.

"Aus diesen Goblins soll mal einer schlau werden ...", murmelte er nach einer Weile entgeistert

und ging nach Hause.


Zweiter Teil: P o c k

Donny hatte die ganze Nacht nicht geschlafen, und das noch nicht einmal wegen dieses

doch sehr überraschenden Kusses. Er verspürte ein Gefühl, das ihn nicht zur Ruhe kommen ließ.

Es quälte ihn wie Zahnschmerzen, nur mit dem Unterschied, dass ihm nichts weh tat.

Er wälzte sich auf die Seite und blickte zum Fenster hinaus. Der Mond war bereits

untergegangen und die Morgendämmerung zeigte sich am Himmel. Der Zirkus erwachte nach

und nach zum Leben, doch Donny fühlte sich wie ein Halbtoter: Ohne Schlaf, ohne Ruhe, ohne

Frieden.

Immer wieder sah er jene Bilder, welche er in jener Nacht gesehen hatte, vor seinem Inneren

Auge: Und einer der Goblins ist Pock - Er sitzt zusammen mit anderen seiner Artgenossen in der

Höhle, umhüllt von den bedrohlichen Schatten der Schattenwanderer, die ihre Waffen auf ihn

richten ...

"Was habe ich nur getan?!", murmelte der Goblin grummelnd vor sich hin, als er in

seiner Kammer auf dem Boden neben seinem Bett lag und die Zimmerdecke anstarrte. "Ich habe

einen Pixy geküsst. Ich habe ihn wirklich geküsst. Ich muss den Verstand verloren haben."

Pock war kein Kind mehr. Und noch weniger war er von vorgestern; er wusste genau, warum

man jemand anderen küsste, und in der Regel auch, wann dies geschehen sollte. Oder unter

welchen Umständen. Aber so ...

Der Goblin weigerte sich in diesem Augenblick strikt, darüber nachzudenken. Er verbot es sich

selbst. Es würde zu etwas führen, vor dem er viel zu große Angst hatte. Nicht nur um ihn, sondern

auch um ...

"Donny ...", flüsterte Pock, und für eine Sekunde lang verspürte er wieder jenes weiche, sanfte

Gefühl in seinem Inneren. Als würde eine besonders zärtliche Hand sein Herz sanft umschließen

und festhalten. Dann biss sich der Goblin auf die Lippen, schnaubte und erhob sich.

"Pah", sagte er laut. "Ich liege hier herum, dabei habe ich heute jede Menge Arbeit!"

Er zog sich seine schwarze Tunika und den roten Umhang über und verließ seine Kammer, die

sich direkt unter dem Dach der Bibliothek befand, nicht weit entfernt von Camos Kammer. Pock

entschied sich für ein üppiges Frühstück in der Stadt, bevor er die neuen Bücher einsortieren und

dann die Kundschaft bedienen würde. Gutes Essen und harte Arbeit lenken von allen albernen

Gedanken ab, die man nur haben konnte.


Sela war nicht entgangen, wie schlecht es Donny ging. Der kleine Pixy war schon immer

gespalten - auf der einen Seite lustig und lebensfroh, auf der anderen Seite aber auch einsam und

traurig. An diesem Morgen schien der Gaukler jedoch besonders gespalten zu sein. Sie lächelte

freundlich, als er zu ihr ins Zelt kam, wo sie gerade dabei war, einen morgendlichen Eintopf zu

kochen.

"Wünsche dir einen guten Morgen und schönen Tag, Sela.", sagte Donny tonlos.

Sela schöpfte ihm einen Teller Eintopf und reichte sie ihm. "Den wünsche ich dir auch, Donny."

Sie nickte einem Helfer zu, der ihren Posten übernahm, nahm sich selbst einen Teller Eintopf

und setzte sich zu Donny an den Tisch.

"Der Eintopf ist heute etwas dünn", gestand Sela lachend. "Muss daran liegen, dass wir keine

Kartoffeln mehr haben. Dann strecke ich immer mit alten Brötchen und Maismehl."

Donny nickte und versuchte, höflich zu bleiben. Sela konnte für seine üble Laune nichts.

Doch die Menschenfrau erkannte sehr wohl, was ihn bedrückte.

"Kennst du das Problem der Igel?", begann die Wahrsagerin urplötzlich, und zwar so

überraschend, dass Donny für einen Augenblick aus seinen Gedanken herausgerissen hochblickte

und sie mit großen Augen ansah.

"Äh, wie ... was meinst du?"

"Igel. Sie haben ein großes Problem."

"Und welches?"

Sela aß einen Löffel, kaute und nickte. "Ein sehr großes sogar."

"Willst du mich darüber aufklären?!", murmelte Donny missmutig. Die schlaflose Nacht und all

die neuen Gedanken und Gefühle ließen ihn nicht gerade sehr geduldig sein.

"Sie haben Angst. Angst vor der Liebe, der Berührung und Nähe.", sagte Sela unverblühmt.

"Ach?"

"Da sie lange Stacheln haben, dürfen sie sich nie zu nahe kommen, ansonsten würden sie sich

gegenseitig verletzen. Doch manchmal können sie dem Drang der Liebe nicht widerstehen, und

sie gehen lieber das Risiko ein, sich gegenseitig schwer zu verletzen, als einsam zu sein."

Donny seufzte und schüttelte den Kopf. "Was willst du mir damit sagen?"

Sela lächelte verständnisvoll. "Das weißt du ganz genau. Nicht nur Igel, sondern alle Wesen

haben mehr oder weniger einen Schutzpanzer aus Stacheln. Nähe verletzt sie und andere. Deshalb

gibt es Wesen - darunter auch Menschen - die lieber die Einsamkeit vorziehen und aus Angst vor

Verletzungen, Wunden, Enttäuschungen alle von sich stoßen, die ihnen etwas bedeuten könnten."

Donny schnitt eine Grimasse. "Simly und ich haben uns nie gegenseitig verletzt. Oder

enttäuscht."

"Ich spreche von dem Goblin, mein lieber Donny."

"Der durchgeknallte, blauhäutige Bastard, der -"

"Genau den." Sela löffelte ihren Eintopf und blieb dabei so gelassen, als hätte sie Donnys

beinahe-Wutausbruch gar nicht bemerkt. "Ich frage mich nur, wer von euch beiden die längeren

Stachel, den dickeren Panzer hat."

Der Pixy machte den Mund auf, um etwas zu sagen, doch er verharrte, denn dem, was Sela

sagte, konnte er nichts entgegnen; jedenfalls nichts Sinnvolles.

"Es fehlt etwas Würze, oder nicht?", fragte Sela nach einer Weile. "Ich werde mal etwas Pfeffer

holen."

Donny blickte ihr nach, als die Menschenfrau zu der Feuerstelle mit dem Kochtopf ging und in

den vielen Gläsern, welche sie daneben zu einem kleinen Turm aufgebaut hatte, nach Pfeffer

suchte.

Pock hatte bis zum Mittagessen im Archiv gearbeitet, nun saß er im Empfangsraum und

quittierte geliehene Bücher. Immer wenn jemand ein Buch mitnahm, vermerkte er Datum und

Name sowie Buchtitel mit Feder und Tinte in einem schweren Buch. Diese Arbeit machte er - wie

Pock es selbst immer nannte - im "Halbschlaf". Er war da und doch nicht da.

Eigentlich kein großer Unterschied zu sonst, nur dass er an diesem Tag anderen Gedanken

nachhing als der Frage, wann er als nächstes heimlich im Wald trainieren oder Monster erledigen

könnte.

Oder kleine Possenreißer vor Drachen oder Dummköpfen retten ?!

Pock schüttelte den Kopf und biss sich auf die Unterlippe, als würde dies seine Gedanken

vertreiben, die er nicht haben wollte, die ihn jedoch trotzdem quälten.

Was hat dieser Possenreißer bloß mit mir gemacht ... Ich hasse dieses Herzklopfen ... Ich

benehme mich mehr wie ein Elf als wie ein Goblin.

Ich weiß doch ganz genau, warum dies alles so ist. Warum ich mich so fühle, obwohl ich doch

derlei Gefühle gar nicht haben sollte. Weil ich kein Recht darauf habe, glücklich zu sein. Dieser

Fluch ...

Der Gedanke an den Fluch ließ seine Hand erneut erzittern und Pock ließ beinahe ein Buch

fallen, welches er einem Kunden aushändigen wollte.

Der Fluch ...


Alles begann vor einundzwanzig Sommern ...

Pock war noch ein Kind gewesen, als er mit Grimmol, einem etwas älteren Goblin-Jungen eine

absurde Wette eingegangen war. Grimmol hatte behauptet, dass alle Lebewesen etwas hätten,

was die alten Goblin-Priester "Shakul" - die "Seele" nannten.

"Pah, so was gibt es doch gar nicht!", brummte Pock. Beide saßen in einem uralten,

eingestürzten Tempel der einst den Menschen gehört hatte. Warum die Menschen diesen Teil des

Landes verlassen hatten, wusste niemand, aber die Ruinen waren ein idealer Spielplatz für junge

Goblins, denen der eine odere andere Knochenbruch oder Hautabschürfung nichts ausmachte.

"Wenn ich`s dir doch sage.", sagte Grimmol und hockte sich auf eine alte, mit Unkraut

überwucherte Statue eines Mannes, der wie ein nachdenklicher Mensch aussah. Grimmol streckte

seine nackten Füße aus und deutete mit seinen Klauen auf seine krummen Zehen. "Warum glaubst

du wohl predigen die Priester, dass wir Goblins niemals Schuhe tragen sollen?"

"Es macht keinen Spaß.", meinte Pock und kletterte während er sprach auf eine andere Statue

hoch, die direkt Grimmol`s Sitzplatz gegenüber stand. Die Steinfigur war noch ganz wage als

Einhorn zu erkennen. "Ausserdem kann man barfuß besser klettern."

Grimmol lachte, was wie das Kratzen von altem, rostigem Metall klang. "Du glaubst, wir

Goblins sind ein `Füße-Volk` wie diese Halbling-Weicheier?!"

Pock lachte ebenfalls, denn er verstand, was sein Kumpel damit meinte. Dann schüttelte er

heftig den Kopf. "Nee, nur Weicheier tragen Schuhe oder Stiefel. Menschen oder Elfen zum

Beispiel."

"Oder Pixy-Feen. Hu-hu!" Grimmol machte mit seinen langen, dürren Fingern Bewegungen, die

einen Tanz andeuteten und verstellte seine Stimme so, dass sie fast weiblich klang. "Hu-hu!

Schau` mich an, ich trage schöne Stiefel, ich bin eine Pixy-Elfen-Schwuchtel!"

Die Goblin-Kumpels lachten mehrere Minuten lang, und als sich beide wieder beruhigt hatten,

kam Pock nochmals auf das Thema zurück.

"Du glaubst also, dass Lebewesen eine Shakul, eine Seele, haben?"

Grimmol nickte. "Natürlich. Sie ist Du. Du bist Sie. Ohne sie bist du ein Niemand. Die alten

Gelehrten predigen es doch immer wieder: Nackte Füße verbinden deinen Körper mit der Erde.

Die Seele will atmen, will mit der Erde immer verbunden sein. Mit Schuhen sperrt man die

Shakul ein, es sei denn, man hat noch eine."

Pock legte den Kopf schief und schnitt eine Grimasse. "Hä? Dann wäre ich doch gar nicht hier."

"Sag` das nicht. Es soll Wesen ohne Seele geben. Diese werden nicht als Lebewesen von anderen Wesen erkannt. Sie geistern durch die Welt und bringen nur Unglück. Es sind ... wandelnde Tote."

Pock starrte Grimmol einen Augenblick lang an, dann lachte er schallend auf.

"So ein Blödsinn! Verdammte Drachenkacke, Seelen, Shakul ... Ich krieg` mich nicht mehr ein!"

Grimmol grinste verschlagen. "Wenn das so ist, dann verkaufe mir doch deine Seele."

Pock lachte noch lauter und hielt sich den Bauch. In seinen Augen standen schon Tränen. "Jo,

aber klar doch! Ich verkaufe dir meine Shakul."

Der andere Goblin zog etwas aus seiner Hosentasche und hielt es Pock unter die Nase. Es war

eine tote Schlange.

"Schlangenfleisch?", rief Pock erstaunt und der Sabber rann ihm bereits an den Mundwinkeln

herunter. "Wo hast du das denn her ...?!"

"Spielt keine Rolle.", sagte Grimmol grinsend.

"Was willst du dafür? Ich kaufe es dir ab!", sagte Pock schnell. Schlangenfleisch aß er für sein

Leben gern, und diese Schlangenart, welche Grimmol da in seinen Klauen Pock unter die Nase

hielt war verdammt selten - und umso köstlicher!

"Deine Shakul!"

Pock schnitt eine Grimasse und musterte seinen Kumpel misstrauisch. "Äh, wie?!"

"Gib` mir deine Seele dafür." Grimmol zuckte mit den Achseln. "Wenn du nicht an die Shakul

glaubst, dann hast du ja nichts zu befürhcten, oder?"

Zunächst blickte Pock sein Gegenüber immer noch misstrauisch an, doch dann grinste er breit.

"Du machst das schlechteste Geschäft deines Lebens, Eiterbeule! Ich soll dir nichts geben für das

Schlangenfleisch?"

Wieder zuckte Grimmol mit den Achseln. "Nur deine Shakul."

Pock lachte schallend. Er griff sich einen Stein von der Größe eines Hühnereis, spuckte darauf

und hielt ihn Grimmol hin. Die Spucke glänzte in der Sonne. "Hier, meine Seele! Und jetzt her mit

dem Fleischbrocken!"

Grimmol nahm den Stein entgegen und reichte Pock das Schlangenfleisch.

Er schlug die Augen auf und fuhr hoch. Donny griff sich mit einer Hand an die Brust und

tastete nach seinem Herzen - es schlug sehr schnell und heftig, als wolle es durch seinen

Brustkorp herausspringen. Es war später Nachmittag, und der ganze Zirkus bereitete sich auf

seine Nachtvorstellung vor. Der Pixy hatte mit den Artisten den halben Tag die neue Nummer

geübt und lag nun in seinem Wohnwagen im Bett, um Kraft für den Auftritt in der Nacht zu

schöpfen, als er diesen seltsamen Traum hatte: Zwei junge Goblins, die in einem verfallenen

Tempel über die Shakul - die Seele - sprachen. Der eine Goblin hatte wie Pock ausgesehen, nur

war er sehr viel jünger.

Donny stand schnell auf und lief in seinem Wohnwagen auf und ab, wobei er tief durchatmete.

Er wollte dieses Herzklopfen wieder unter Kontrole bekommen, sich beruhigen.

"Es war nur ein dummer Traum, also ganz ruhig bleiben ...", sagte er leise zu sich selbst.

Doch ein Teil von ihm wusste, dass er sich selbst ein wenig anlog, denn dieser Traum war mehr

als seltsam gewesen: In diesem Augenblick, als Pock den Stein Grimmol gereicht hatte, verspürte

Donny einen kurzen aber verdammt heftigen Schmerz in seiner Brust; so, als hätte ein Blitz darin

eingeschlagen. Für einen Moment sah er das Gesicht des Goblins, wie es vor Schreck und

Schmerz sich verzerrte, dann war er aufgewacht.

Langsam kam Donnys Herz wieder zur Ruhe. Er fuhr sich mit einer Hand durch das Haar und

seufzte leise.

"Dieser Goblin macht mich echt fertig."

Du musst der Sache auf den Grund gehen!, sagte ihm eine Innere Stimme. Komisch, warum

klangen seine Inneren Stimmen immer wie Sela? Erkundige dich, mach` dich schlau. Pock

braucht deine Hilfe; er hat dich erwählt, ihm zu helfen ...

"Hä?!", sagte Donny laut in den leeren Raum. "Wie komme ich jetzt darauf? Dieser

durchgeknallte Goblin ist mir doch völlig schnurzt! Soll Sela doch soviel von Igeln sprechen, wie

sie will. Ich ..."

Sein Blick fiel auf die Kristall-Rose, welche Simly ihm einst bei seinem Abschied geschenkt

hatte, und er verharrte.

"Ich führe Selbstgespräche.", murmelte der Pixy und seufzte wieder. "Und an all dem ist dieser

blauhäutige Bastard schuld!"

Donny wusste, er hatte nicht viel Zeit, denn in dieser Nacht sollte sein Auftritt im Zirkus

sein. Deshalb hatte er sich nicht mehr als seine Hose und ein Hemd übergestreift und rannte nur in

Sandalen in die Stadt. Keuchend und mit einem Brennen in den Lungen kam er vor der Bibliothek

zum Stehen und verschanufte erst mal. Vor dem Gebäude auf der Straße herrschte wie immer

reges Treiben, doch das beachtete der Pixy gar nicht. Er wollte zu Pock. Er würde ihn ganz

einfach direkt zur Rede stellen. Er würde ihm ins Gesicht sagen, dass er ihn endlich in Ruhe

lassen sollte.

"Ich werde ihm raten, eine Therapie bei einem Geist-Heiler zu machen.", sagte Donny und setzte

das grimmigste Gesicht auf, das er hatte. Nun, wenn Pixies versuchten, wütend oder grimmig zu

blicken sahen sie für andere Zeitgenossen noch niedlicher aus, denn diese Koboldwesen waren

nicht dazu geschaffen, böse zu sein. Er ballte seine Fäuste und stampfte durch den Eingang in die

Halle der Bibliothek.

"Bevor er mich noch mit seinem Geisteskrankheit ansteckt.", murmelte Donny vor sich hin.

"Drachen zu schlachten und mich zu küssen. Hat der sie noch alle? Kerle küssen doch keine

Kerle. Naja, es sei denn, sie sind verliebt. Aber dieser Holzkopf weiß doch noch nicht mal, wie

man Liebe schreibt."

"L-i-e-b-e"

Donny zuckte vor Schreck zusammen, als er diese alte, raue Stimme das Wort "Liebe"

buchstabieren hörte. Es war der Gremlin, Meister Camo.

"Und ich nehme an, du suchst Pock.", sagte Camo, der hinter dem Tisch über dem selben Buch

gebeugt saß, in das Pock an diesem Tag schon dutztende verliehene Buchtitel eingetragen hatte.

"Wie kommt Ihr darauf?!", fragte Donny unsicher und mit zittriger Stimme. Plötzlich war seine

Wut und sein Seltbstbewusstsein wieder verraucht.

"Nun, nur Pock kann ein so zartes Kerlchen wie dich so in Wut versetzen. Es sei denn ..." Der

Gremlin grinste. "Du willst dir ein Buch ausleihen."

Donny seufzte. "Sagt mir einfach nur, wo er ist."

Der Gremlin stützte seinen Kopf auf eine seiner Klauen und blickte Donny verträumt an -

jedenfalls sah das faltigte, grüne Gesicht des Gremlins so aus, als blicke es verträumt. Oder wie

jemand, der den Pixy nicht ernst nahm.

"Ach, wie schön muss es doch sein, wenn man verliebt ist.", sagte Camo, mehr zu sich selbst.

"Hallo, Meister?!", rief Donny entnervt. "Pock. Wo ist er?!"

Camo blinzelte. "Nicht hier.", sagte er und atmete wie jemand auf, der gerade aus einem

Tagtraum geweckt worden war. "Und wenn du kein Buch ausleihen willst, dann verschwinde am

besten wieder. Ich habe zu tun."

Donny machte den Mund auf, um etwas zu erwidern - dass er Camos Verhalten für unverschämt

und respektlos hielt - als ihm wieder dieser seltsame Traum (Vision) einfiel; über die beiden

jungen Goblins, und das, worüber sie sich unterhalten hatten.

"Seele.", sagte Donny nachdenklich. "Über die Seele."

"Bitte?"

Er sah Meister Camo an und sagte dann entschlossen: "Ich suche ein Buch über die Shakul. Die

Seele."

Camo hob eine Augenbraue. "So nennen Goblins ihre Seele: Shakul. Es gibt nicht mehr viele

Bücher über das Goblin-Volk, seit dieser schreckliche Krieg zu Ende ist." Er machte eine

Bewegung mit seinem Zeigefinger und bedeutete Donny, ihm zu folgen. "Aber", fuhr der Gremlin

fort. "ich glaube, ich habe da etwas über die Shakul."

Donny folgte Camo einen engen Gang, der mit Bücherregalen gesäumt war. Am Ende der

Regalreihe tippte Camo mit seiner Hand auf eine kleine Reihe Bücherrücken. Das Regal stand

etwas abseits und war mit großen, schwarz lackierten Fledermäusen verziehrt. "Hier findest du

vielleicht, was du suchst."

Der Pixy nickte dankend und wurde von Camo wieder alleine gelassen. Dann machte er sich auf

die Suche - nach was oder wen auch immer - und zog das erste Buch heraus und blätterte es

durch.

Pock wusste nichts über die Fähigkeiten, die ein Pixy besaß, trotzdem hatte er das Gefühl

gehabt, beobachtet zu werden. Die Erinnerung an damals, als er noch als Kind war und sich mit

Grimmol über die Shakul unterhalten hatte, war so deutlich vor seinen Inneren Augen abgelaufen

wie ein Theaterstück. Wie ein sehr intensiver Traum einer Erinnerung. Nur mit dem Unterschied,

dass er dabei nicht alleine gewesen war. Da war noch jemand, der ihn dabei beobachtete; jemand,

der nun über jene Szene aus seinem Leben bescheid wusste. Und das Gefühl, dass es dieser

nervige Possenreisser war, ließ ihn einfach nicht los.

Dieses Wesen ist so voller Liebe, so voller Wärme und Sanftheit. Ich kann seine Anwesenheit

nicht ertragen! Er ist wie ein Gebäck, das so süß ist, dass man alleine schon vom Geruch

Zahnschmerzen bekommt. Sein Blick sticht aus zwei Augen hervor, die tief in mein Herz, meine ...

(Seele ....) zu blicken scheinen. Diese Blicke, die er mir schenkt, sind anders als alles, was ich

bisher erlebt habe.

Noch nie hatte er erleben dürfen, was Liebe ist. Noch nie hatte er erleben dürfen, was

Freundschaft ist. Und jetzt ...

... ist da jemand, der tief in meiner Erinnerung herumwühlt und alte Wunden aufreisst. Ich hasse

nicht ihn, aber ich hasse das, was er mit mir macht. Ich bin ein Krieger, und kein verweichlichter

Elf oder Halbling, der heulend sein Herz ausschüttet. Ausserdem ... der Pixy ist ein Kerl. Kein

richtiger Kerl, wie man ihn sich vorzustellen hat, aber er ist verdammt noch mal ein Kerl!

Würde er sich dabei besser fühlen, wenn der Pixy ein Mädchen wäre?

Ich weiß es nicht. Ist mir auch egal, ich will niemanden haben, der in meiner Erinnerung

herumwühlt, mir weismacht, dass ich Gefühle hätte und mich total verwirrt. Ich will niemanden,

ich brauche niemanden!

Ausserdem ... wie soll eine Seele berührt werden, wenn da keine ist? Pock hatte doch keine mehr

...

Er dachte diesen Gedanken nicht zu Ende, denn alles, was damit zusammenhing; alle

Erinnerungen daran schmerzten zu sehr. Sein Blick fiel auf das Dach der Waldkathedrale, in der

er sich befand. Die Bäume waren über Jahrhunderte so gewachsen, dass ihre Stämme und Äste

ein gewaltiges Dach erschufen, durch das die Sonne in dutzenden von schmalen Strahlen

hindurch schien. Der Boden der Kathedrale war mit weichem Gras bedeckt. Die Waldkathedrale

war sein Zufluchtsort. Es war ein für Goblins sehr heiliger Ort (obwohl er nicht unter der Erde

lag, wie die meisten Heiligtümer der Goblins). Hier würde er wieder zu sich selbst finden. Zu

seiner alten Einstellung, dass ein Leben ohne Gefühlsduselei das beste für ihn war.

"Wer keine Seele hat, hat auch kein Recht auf Liebe.", sagte er laut und ließ sich mit dem

Rücken in das weiche Gras fallen und schloss die Augen.

In dem Buch stand sehr viel, aber Donny verstand nicht mal die Hälfte von den

Überschriften, die er da so las: "Das Innere Ich erkennen", "Wie man seine Seele findet" oder

auch "Was ist das Ich und was ist das Du?" All das klang in seinen Ohren wie esoterischer

Blödsinn, den sich Menschen gegenseitig erzählten, die im Wald die Bäume umarmten oder

Pixies und Elfen immer noch für tanzende Geistwesen hielten. Nun ja, auf manche traf es

vielleicht zu, aber nicht für alle.

Trotzdem ... dieses Buch war von einem Elfenzauberer verfasst worden: Venderval Flüsterwind.

Ein typischer Elfenname. Also konnte das, was in dem Buch stand, nicht ausschließlich die

Spinnerei sein, die sich oft verwirrte Menschen bedienten, die zuviel Traumwurzeln geraucht

haben.

Donny wollte das Buch schon entnervt zuschlagen, als seine Augen den Begriff "Shakul"

entdeckten. Er stand in einem kleinen Text unter der Überschrift "Das Geheimnis der

Seelenspaltung".

Der Text war recht kurz und in kursiven, schwungvollen Buchstaben geschrieben:

SHAKUL ist der Begriff für "Seele" bei dem Volk der Goblins. Goblins glauben, dass die Seele

mit ihrem Körper fest verbunden ist und er mit dem Tod getrennt wird. Deshalb herrscht bei den

Goblins auch der Glaube, dass man seine Seele verkaufen oder verschenken könne, ohne dabei

den Körper zu zerstören.

Tatsächlich exisiert ein Zauber, der es erlaubt, einen Teil der Shakul vom Körper abzutrennen

und auf einen anderen Gegenstand oder Lebewesen zu übertragen. Laut einer Legende sollen dies dunkle Zauberer und Hexen bereits versucht haben, um sich damit Ewiges Leben zu

schenken, indem sie ihre Seele beispielsweise in einen unzerstörbaren Gegenstand wie einen

Diamanten einschlossen. Doch dieser Zauber erfordert sehr viel Macht und zudem kann es unter

Umständen das Leben anderer Wesen kosten, sodass diese Technik hier nicht näher erläuert

werden soll. Sie gehört zu den Verbotenen Zauberkünsten.

Goblins glauben jedoch, dass die Shakul - die Seele - selbst untrennbar als solche ist.

Donny sah von dem Buch auf und blinzelte.

"Er glaubt, dass er seine Seele verkauft hat.", sagte er laut und plötzlich fiel ihm alles wie

Schuppen von den Augen; alles ergab einen Sinn.

"Pock glaubt, dass er keine Seele mehr hat. Vielleicht glaubt er sogar, kein Recht auf Leben zu

haben. Er hat sich selbst aufgegeben ..."

Dem Pixy stockte der Atem. Er schoss von seinem Stuhl hoch und stürmte mit klopfendem

Herzen aus der Bibliothek.

"Er weiß etwas.", murmelte Pock und starrte durch das Blätterdach der Waldkathedrale

in den Himmel. "Er weiß etwas, und das will ich nicht. Ich will niemanden in meinem Leben

haben, der mich kennt. Niemand soll jemals erfahren, was ich getan habe. Wofür ich

verantwortlich bin ..."

Pock sah sich wieder in dieser Höhle, umgeben von dutzenden anderer Goblins. Es herrschte

Krieg, und sein Volk war dem Untergang verdammt. Necros wollte alle Goblins von der Erde

tilgen, da sie sich seinem Zauber nicht unterwerfen ließen. Sie waren immun gegen seinen

Einfluss.

Ein besessener Ork stand vor dem einzigen Ausgang der Höhle und richtete sein gezacktes

Schwert auf die Goblins. Es waren Frauen, Kinder und einige Jünglinge. Einer von ihnen war

Pock ...

"Zeit, zu sterben, Ungeziefer ..."

Der Goblin schlug die Augen auf und atmete tief durch. Immer, wenn er diese Bilder vor seinem

Inneren Auge sah, setzte seine Atmung aus; sein Herz schien nicht mehr zu schlagen. So, als

würde jedes mal sein Körper ein kleines Stück absterben. Wie sollte er auch wirklich

weiterleben ... ohne Shakul? Was hatte er alles angerichtet? An wievielen Greueltaten war nur er

schuld? Nur, weil er so dumm gewesen war ...

"POCK! TU ES NICHT!"

Er setzte sich auf und seufzte. Warum überraschte es ihn nicht, den Pixy ausgerechnet jetzt

schreien zu hören? Diese helle Glockenstimme. Dieses Stimmchen, das versuchte, ihn zu warnen

oder zu retten.

Ohne hinzusehen wusste Pock, dass Donny sich gleich hinpacken würde. Und als er das

erschrockene Stimmchen des Possenreissers hörte, gefolgt von einem "Autsch!" und den Gräusch

eines hinfallenden Kobolds mit dünnen, zarten Gliedern und großen Füßen, musste er tatsächlich

lachen.

"Die Waldkathedrale ist für uns Goblins etwas Heiliges.", sagte er ruhig, ohne sich nach dem

Pixy umzudrehen, der auf dem Bauch lag und dessen Spitzhut in sein Gesicht gerutscht war.

"Also sei ein bisschen vorsichtig, dass du beim Stolpern nicht die Wurzeln kaputt machst."

Donny rappelte leise und wütend vor sich hinmurmelnd wieder auf, rückte seinen Hut zurecht

und strich sich eine Haaresträhne aus dem Gesicht.

"Ich dachte, ich wollte ...", stammelte er und verstummte, als er Pock`s wegwerfende

Handbewegung sah.

"Was? Mich vor einem Selbstmord bewahren oder was?!"

Der Goblin stand auf, drehte sich um und sah Donny finster an.

Donny rieb sich verlegen den Oberarm und nickte unsicher. "Naja, ich dachte, du ..."

"Du hast das Buch gelesen.", sagte Pock nüchtern. "Du hast das Geschwätz von diesem

Sitzpinkler Flüsterwald entdeckt, oder? Von der Untrennbarkeit der Shakul?"

"Eben nicht!", sagte Donny beherrscht, denn er bebte innerlich vor Wut, weil der Goblin so

schrecklich unsensibel war. "Seine Seele zu spalten ist nur mächtigen Zauberern vorbehalten, und

selbst die scheitern. Ausserdem erfordert dieser Vorgang das Leben anderer Wesen, die ..."

"Vielleicht das Leben seiner Eltern? Seiner besten Freunde oder gar seinem eigenen Volk?",

zischte Pock.

"Was -"

"All das habe ich nämlich verloren.", flüsterte der Goblin und wandte sich von Donny ab. "Du

hast ja gar keine Ahnung."

Donny näherte sich ihm, streckte die Hand aus und verharrte dann in der Bewegung. Er wusste

nicht, ob es so eine gute Idee war, Pock eine tröstende Hand auf die Schulter zu legen.

"Aber ich wüsste es gerne.", sagte Donny leise und vorsichtig.

Pock schüttelte den Kopf und lachte humorlos. "Wozu willst du das wissen? Was hast du

überhaupt in meinem Leben zu suchen? Wie kommst du darauf, dass ich das dir oder sonst wem

erzählen möchte?"

"Vielleicht deshalb", begann Donny langsam. "weil du mich urplötzlich geküsst hast?!"

Der Goblin senkte den Kopf, schloss die Augen und schwieg.

"Was jetzt?", rief Donny, ging um Pock herum, sodass er direkt vor ihm stand. "Dazu hast du

nichts zu sagen?"

Pock drehte seinen Kopf zur Seite wie ein trotziges Kind, das den Blicken seiner schimpfenden

Eltern ausweichen wollte.

"Oder küsst Ihr Goblins Euch um damit 'Hau ab!' zu sagen?!"

Der Goblin schnaubte.

"Warum hast du mir diese Erinnerung gegeben?"

"Erinnerung ...?" Pock klang so, als wüsste er wirklich nicht, wovon Donny sprach.

"Die Erinnerung an deine Kindheit. Wie du für ein Stück Schlangenfleisch deine Seele

hergegeben hast!"

Pock schnaubt wieder. "Bestimmt nicht mit Absicht. Du hast mich irgendwie ... verhext!"

Donny schüttelte heftig den Kopf. "Nee, bestimmt nicht. Meine Vorfahren waren Feen. Und

Feen besitzen die Fähigkeit, Wünsche und Träume anderer Wesen zu spüren." Er machte eine

kurze Pause, berührte Pock am Kinn und drehte seinen Kopf so, dass er ihm in die Augen blicken

konnte. "Und manchmal können wir diese Wünsche auch erfüllen."

"Wieso?" Pocks Stimme klang unsicher und zittrig.

"Weil du ein verdammt schöner Goblin bist." Donny flüsterte diese Worte beinahe.

"Niemand mag Goblins.", hauchte Pock. "Alle hassen sie uns."

Donny schüttelte den Kopf. "Necros' Macht ist längst erloschen. Es gibt keinen Goblin-Hass

mehr. Und eines solltest du auch wissen: Auch wenn die ganze Welt Euch hasst, ich ... ich ..." Der

Pixy seufzte und schloss die Augen. "Ich liebe Goblins."

Pock neigte den Kopf zur Seite und blickte den Pixy misstrauisch an. "Eh, wie?!"

Donny wandt sich von ihm ab und hielt sich die Hände vor das Gesicht. "Irgendwie ist mir das

peinlich."

Plötzlich war die Luft von Pock`s schallendem Gelächter erfüllt.

Donny wirbelte erschrocken herum und starrte den lachenden Goblin überrascht an.

"Das glaube ich jetzt nicht!", brustete Pock. "Ein Possenreisser und Pixy-Schwuchtel, die auf

garstige Rübel-Goblins steht. Oh heiliges Drachenauge, das ist der Witz des Jahres!"

Der Pixy stürmte nach vorne und versetzte Pock eine schallende Ohrfeige - so schnell und

heftig, dass Pock nichts anderes übrig blieb, als nur fassungslos und irgendwie blöde Donny

anzuglotzen.

"Du ... du hast mich ... geschlagen ...", keuchte Pock. "Das ... das ... Wie kommst du ..."

"Das war für deine Undankbarkeit.", sagte Donny leise aber bestimmt.

"Wie kommst du dazu, mich ..." Pock hielt inne. Er machte einen Schritt auf Donny zu und kam

seinem Gesicht so nahe, dass sich ihre Nasenspitzen fast berührten. "WOFÜR sollte ich mich bei

DIR bedanken?!"

"Dafür", sagte Donny leise. "dass ich der einzige war, der dir wieder einen Lebenssinn geben

wollte. Aber jetzt wirst du weiterhin ganz alleine sein."

Pock grinste schief und sagte unbeeindruckt: "Ich kann mich nicht für etwas bedanken, was ich

nie haben wollte. Und schon lange nicht von jemandem, der mir absolut nichts bedeutet."

"Wie oft warst du denn schon verliebt?", fragte Donny.

Der Goblin sah ihn emotionslos an und sagte kühl: "Noch nie."

Einen Augenblick lang starrte Donny Pock reglos an, dann wandt er sich ohne ein weiteres Wort

von ihm ab und ging.

"Jaaaa, geh' doch!", brüllte Pock dem Pixy hinterher. "Wer braucht schon Gesellschaft?! Mehr

Platz für mich, wenn ich alleine im Bett bin. Habe sowas sowieso noch nie gehabt. Nie

gebraucht!"

"Dann ist es ja gut."

"Ausserdem ist es krank und unnormal!", brüllte Pock noch lauter, als Donny gerade noch in

Sichtweite war. "Zwei Kerle, die sich paaren wollen. Wo gibt`s denn so was?! Widerlich!"

Pock keuchte, so laut hatte er die letzten Worte gebrüllt. "Widerlich ...", sagte er nochmals leise

zu sich selbst. "Wo gibt`s denn so was schon ..."

Die Kristallrose glitzerte im matten Mondlicht, welches durch das Fenster in seinen

Wohnwagen fiel. Es war die einzige Lichtquelle; Donny saß im Zwielicht und starrte die Rose an,

die Simly geschenkt hatte. Und er hörte die Worte, die sein Geliebter ihm damals gesagt hatte,

noch immer in seiner Erinnerung:

Meine Liebe zu dir soll erst vergehen, wenn diese Kristallrose verblüht ...

Donny seufzte, denn die Erinnerung an diese Worte waren wie Stiche in sein Herz. Die

Kristallrose war natürlich nicht verblüht oder welk; lag es daran, weil sie kein magischer

Gegenstand war oder dass Simly etwa noch lebte? Donny fühlte sich mies, sehr mies, denn er

musste sich eingestehen, dass ihn Pock mehr als nur faszinierte. War er in den Goblin verliebt?

Donny wusste es nicht. Oder wusste er es, und wollte es nicht wahr haben? Weil sich für ihn dies

wie ein Betrug anfühlte? Als würde er Simly betrügen?

Die Tür seines Wohnwagens öffnete sich, und Norin rief: "Dein Auftritt is' gleich. Bist du

bereit?!"

"Ja."

Natürlich war Donny bereit. Wie immer.

Er stand auf, setzte seine Narrenkappe auf und spielte ein weiteres Mal den lustigen

Possenreisser.


Tage vergingen, ohne dass sie sich begegneten. Pock wusste genau, dass Meister Camo

von ihm wissen wollte, was nun mit dem Pixy war. Warum mischte sich der kleine Kobold in sein

Leben ein? Wieso war er in den Bibliothek aufgekreuzt und wollte ein Buch über die Shakul?

Und vor allem: Wieso war er jetzt wie von Erdboden verschwunden?

Pock spürte die fragenden Blicke in seinem Nacken, die der Gremlin ihm zuwarf. Er hörte die

Fragen in der Stimme des Alten Bibliothekars, wenn dieser ihn wegen belangloser Dinge

ansprach. Der Gremlin wartete, wagte es jedoch nicht, Pock direkt auf Donny anzusprechen.

Eines Tages, Pock hatte Donny seit über einer Woche nicht mehr gesehen, sprach der Goblin

seinen Meister selbst an:

"Meister Camo, was ist Liebe?"

Der Gremlin, der gerade das Unterste aus einem riesigen Stapel Bücher herauszog, um es mit

einer Bestellung zu vergleichen, die er vor sich auf dem Tisch liegen hatte, warf Pock einen

gelangweilten Blick zu - obwohl er innerlich zutiefst erregt war. Und überrascht. Pock wollte über

Liebe sprechen? Das war etwa so, als verlange ein Orkkrieger urplötzlich warme Milch mit

Honig. Doch Camo reagierte gelassen.

"Willst du was bestimmtes wissen?" Camo grinste schief.

Pock schnaubte. "Ach, lasst es gut sein. Ich war dumm, so was Euch zu fragen ..."

"Jetzt lauf' doch nicht gleich weg." Er folgte Pock, der sich umgedreht hatte und den von

Bücherregalen gesäumten Korridor entlangstiefelte wie ein Soldat, der in den Krieg ziehen

wollte.

Der Goblin blieb abrupt stehen.

"Du wirst verstehen", begann Camo vorsichtig. "dass es mir etwas fremdartig vorkommt, dass

ausgerecht du mir solch eine Frage stellst."

Pock atmete tief durch und drehte sich zu Camo um. "Es ist nur so", begann der Golbin zögernd.

"dass ich gerne wissen würde, ab wann man es weiß."

Der Gremlin hob eine Braue. "Dass man verliebt ist?"

Pock nickte knapp und presste seine Lippen zusammen. Wäre er ein Mensch gewesen, wäre er

jetzt knallrot im Gesicht geworden.

Camo lächelte freundlich, berührte Pock am Arm und bedeutete ihn, ihm zu einer kleinen

Sitzgruppe zu folgen. "Mein trotziger Goblin wird erwachsen. Recht so."

Sie setzten sich. Camo faltete die Hände blickte Pock eine Weile an. Schließlich räusperte er sich

und sagte: "Jeder versteht unter Liebe etwas anderes. Es gibt die Liebe, die Eltern für ihren

Nachwuchs hegen. Andere lieben ihr Gold oder die Natur."

"Ich glaube, Ihr wisst genau, welche Art von Liebe ICH meine.", sagte Pock kühl.

"Du musst mich ausreden lassen.", sagte Camo gelassen. "Und es gibt jene Liebe, die man für

eine Person empfindet, die man ohne es sich selbst erklären zu können, unglaublich gern hat."

"Aber ..." Pock schien mit seinen Worten zu kämpfen. "Aber ... ich weiß nicht, wie sich das

anfühlt. Jemanden ... gern zu haben."

"Pock, niemand muss dir erklären, wie sich das anfühlt. Das weißt nur du selbst, wie sich das

anfühlt." Camo lächelte. "Ich zum beispiel empfinde das Verliebtsein wie die Freude über ein

schönes Essen, den Fund eines unglaublich seltenen Buches oder die schlichte Schönheit eines

Sonnenuntergangs." Er seufzte. "Doch was die meisten Wesen bei Liebe empfinden ist das

Gefühl, jemanden gefunden zu haben, mit dem man sich nicht einsam fühlt."

Sie schwiegen eine ganze Weile, und Pock nickte langsam. "Und habe ich überhaupt das Recht

dazu, nicht einsam zu sein?"

Der Gremlin schnitt eine Grimasse. "Pock, du hast deine Shakul nicht verkauft. Vergiss' diesen

Blödsinn."

"Aber" Pock war plötzlich ganz aufgebracht. Es kam nicht sehr oft vor, dass er seinem alten

Meister gegenüber ausfällig wurde, aber wenn dieser die Shakul ansprach, traf er einen besonders

wunden Punkt bei ihm.

"Alle, die mir etwas bedeutet haben, sind tot.", flüsterte Pock. Es war nicht so, dass Camo dies

nicht wusste, aber der Goblin hatte das Gefühl, er müsse diesen Umstand nochmals betonen.

"Und zwar seit jenem Zeitpunkt, als ich ..." Er verharrte und schwieg einen Augenblick. Dann

fuhr er mit gepresster Stimme fort: "Als ich meine Seele verkauft habe."

"Wie kommst du darauf, dass du deine Seele verkauft hast?"

"Seit jenem Zeitpunkt, war ich bei den anderen Goblins nicht mehr willkommen. Meine Eltern

starben, als unsere Höhle einstürzte, und schließlich brach der Krieg über unser Land herein.

Necros wollte mein Volk ausrotten."

"Und warum willst ausgerechnet du daran schuld sein?"

"Ich ziehe das Unglück an.", sagte Pock und ballte seine Klaunen zu Fäusten. "Ich ... ich bin ein

Niemand, Seelenloser, der ... der das Böse und das Unglück anzieht."

"Die Bibliothek steht noch. Und ich bin auch bei bester Gesundheit."

Pock starrte Camo ratlos an. "Nein, das ist was anderes."

"Bedeute ich dir etwa nichts?"

"Ihr wisst genau, dass diese Frage dumm ist. Ihr seid mir sogar sehr wichtig, Meister.", sagte

Pock mit ernster Stimme.

"Wenn ein Fluch auf dir liegt, warum trifft es dann mich nicht?"

Darauf wusste Pock keine Antwort. Er schwieg, doch Camo fuhr unbarmherzig fort:

"Ich glaube viel eher, dass du Angst hast. Angst davor, dir bei einer Umarmung den Stich eines

Stachels einzufangen."

"Hä?!"

"Das Problem der Igel.", sagte Camo gelassen. "Sie haben Angst, einander näher zu kommen,

weil jede Nähe, jede Berührung Schmerzen bedeutet. Jeder von uns hat solche Stachel - mehr

oder weniger. Aber wir können nicht ohne Nähe, Berührung und Liebe sein. Deshalb müssen wir

das Risiko eingehen, ausser Liebe auch Schmerz zu erfahren."

Er beugte sich zu Pock vor, legte seine Hand auf seine Schulter und sagte: "Lass' es zu, Pock.

Lass' diesen Pixy dir deine Seele zurückgeben, bevor du sie völlig verlierst. Bevor du wirklich

nicht mehr zur Liebe fähig bist."

Der Goblin biss sich auf die Oberlippe und schloss die Augen.

Der Pixy ... jede seiner Berührungen fühlen sich wie tiefe Schnitte in mein Fleisch an. Jeder

seiner Blicke wie ein Glühen, welches Feuer in meinem Inneren zu entfachen droht. Er ist ... er ist

...

Pock schluckte.

"Habe keine Angst vor den Schmerzen, die du vielleicht haben wirst.", sagte Camo. "Habe Angst

vor der Einsamkeit."

"Ich habe vor nichts Angst." Pock ballte seine Klauen zu Fäusten und hob seinen Kopf. "Ich bin

ein Krieger."

Sela war gerade dabei, ihre Kristallkugel zu polieren, als Donny ihren Wohnwagen betrat

und einen lauten Seufzter von sich ließ. Ohne sich umzublicken sagte die Wahrsagerin mit einem

Lächeln auf den Lippen: "Er geht dir nicht aus den Kopf, oder?"

Donny setzte sich auf die Holztruhe, in der Sela ihre Kostüme aufbewahrte, stützte sein Kinn auf

die Hände und seufzte nochmals.

"Du siehst und weißt alles, oder?"

"Dazu muss man kein Hellseher sein, Donny.", sagte sie ruhig und drehte sich zu ihm um.

"Selbst die Ponys merken, was mit dir los ist."

"Und was ist mit mir los?"

Jetzt war es Sela, die seufzte. "Liebeskummer ist nicht mit der Beulenpest zu vergleichen, aber

auch nicht so harmlos wie eine Erkältung. Wenn du wirklich verliebt bist, dann musst du dazu

stehen."

"Das will ich ja, aber er will es nicht!"

"Hast du ihn gefragt?"

"Das muss ich nicht. So, wie er sich aufführt ist es eindeutig ..." Und murmelnd fügte er hinzu:

"Dass er nichts von mir wissen will."

"Du bist ein Pixie", sagte Sela ernst. "Du kannst spüren, was andere Wesen fühlen. Was spürst

du bei ihm?"

Donny hielt inne und dachte nach. Eigentlich war er zu Sela gekommen, um herumzujammern.

Doch Jammern ließ die weise Frau nicht durchgehen. Sie forderte immer etws von jenen, die zu

ihr kamen. Weise sein bedeutet, andere dazu bewegen, selbst nachzudenken und Lösungen zu

finden. Das hatte Sela zumindest mal gesagt.

"Verwirrung.", sagte Donny nach einer Weile. "Er ist verwirrt."

"Was dich angeht? Seinen Gefühlen dir gegenüber?"

Donny schüttelte den Kopf. "Nein.", sagte er selbstsicher. "Das nicht. Er ist allgemein verwirrt.

Er weiß nicht, ob er das Recht darauf hat. glücklich zu sein."

"Was siehst du noch?"

"Verbitterung. Verbitterung darüber, was mit ihm und seinem Leben geschehen ist."

"Was soll mit ihm geschehen sein?", wollte Sela wissen.

Donny blickte auf und sah die Wahrsagerin nachdenklich an. "Der Krieg. Er hat den Krieg

erlebt."

"Er hat gekämpft?"

Der Pixie schüttelte den Kopf.

"Er wurde verwundet?"

Wieder ein Kopfschütteln.

"Dann hat er seine Familie verloren?"

Diesmal nickte Donny.

"Durch den Dämonenfürsten Necros?"

Wieder ein Kopfschütteln. "Nein. Er glaubt, dass es seine Schuld war."

Für einen Augenblick schwiegen beide. Dann drehte sich Sela wieder zu ihrer Kristallkugel um

und sagte ruhig und gelassen, als sei es die einfachste Sache der Welt: "Rede mit ihm. Sage ihm

genau das, was du weißt und stelle ihn vor die Wahl."

Donny fuhr aufgebracht auf. "Was?! Mit dem kann man nicht reden. Er flippt aus, und ..."

"Rede mit ihm.", sagte Sela ruhig und von Donnys Gefühlsausbruch unbeeindruckt.

Der Pixie seufzte wieder.

Er wollte nach der Abend-Vorstellung zur Bibliothek gehen und mit dem Goblin

sprechen. Aber nicht so, wie Sela es ihm empfohlen hatte, da er die Nase voll hatte. Pock war

verbittert und missmutig. Er glaubte, keine Seele mehr zu haben und vergraulte alles und jeden.

Ihn eingeschlossen. Donny wusste nicht, ob Pock wirklich aus Liebe zu ihm ihn so hartherzig

behandelte, in dem Glauben, ihn vor einer Gefahr, welche von ihm ausging, zu beschützen, oder

ob er sich schlicht weg dafür schämte, einen Pixie zu lieben.

Egal. Donny würde es beenden. Noch diese Nacht.

Pock träumte von einem Sternenschauer, der vom Himmel regnete, von buntem Nebel

und einem magischen Glitzern, das den Nebel durchtränkte wie tausend kleine, funkelnde Sterne.

Dann erschien das Gesicht des Pixies: Fein geschnitten, hell, freundlich und lebensfroh.

Schweißgebadet fuhr der Goblin aus dem Schlaf hoch, doch er lag nicht im Bett, sondern auf

dem Boden seiner Kammer. Er blickte an sich herab und sah, dass er nicht mehr trug als einen

Lendenschurz. Dann fiel es ihm wieder ein: Er hatte trainiert. Trainiert bis zur Erschöpfung.

Langsam stand er auf, wischte sich mit dem Armrücken den Schweiß von der Stirn und

schlüpfte dann in seine Kleider. Er würde noch heute Nacht reinen Tisch machen. Er würde in

diesen dummen Zirkus gehen und diesem schwuchteligen Pixie-Elfchen die Meinung geigen.

Dann würde er gehen, für immer. Irgendwann war auch mal Schluss! Was hatte dieses kleine Aas

in seinen Träumen verloren?!

Nachdem Pock seine Seele für ein Stück Schlangenfleisch an Grimmol verkauft hatte,

war das Leben des Goblins nicht mehr so, wie vorher. Schon einen Tag später starben seine

Eltern, als ein Teil der Höhle, in der sie gelebt hatten, einstürzte. Nicht lange darauf, wurden fast

alle Goblins in Pock`s Stamm krank. Sie verbannten ihn, da sie glaubten, er würde einen Fluch in

sich tragen. Pock hatte seit dem keine Freunde mehr:

Alles und jeder um ihn herum wurde entweder krank oder starb. Er wollte wenigstens etwas

Gutes tun, und meldete sich freiwillig, in den Krieg zu ziehen, doch selbst die Armee wollte ihn

nicht haben: Zu dürr, zu schwach, zu jung.

Schließlich fand er sich einsam und verbittert in einer Höhle wieder, in der sich hunderte von

Flüchtlingen drängten. Sein Volk war zur Zielscheibe von Necros` Dämonenheer geworden. Sie

wollten alle Goblins umbringen (der Grund dafür ist bis heute aber ein Rätsel).

Sie kamen in die Höhle, bauten sich vor den vor Angst zitternden Goblin-Familien auf, zückten

ihre Waffen, und sagten:

"Zeit zu Sterben, Ungeziefer ..."


Dritter Teil: G l i t t e r

Der Zirkus war eine schillernde, kleine Welt für sich, erfüllt mit Glitzer und grellen

Farben, verrückten Wesen und exotischen, fantasievollen Masken.

Pock hasste all das, denn es tat ihm weh wie einem Hund schrille Töne in den Ohren schmerzten.

Was wollte er eigentlich hier? Warum kam er schon wieder hierher?!

Weil er mich wütend macht. Weil ich es ihm ins Gesicht sagen will. Ein für alle mal!

Tief in seinem Inneren brodelte Wut, doch diese Wut hatte sich immer gegen ihn selbst gerichtet;

Pock hatte immer wieder den Wunsch gehabt, sich selbst zu verletzen, selbst zu hassen. Jetzt hatte

sich das gedreht - jetzt war es der Possenreisser, der seinen Zorn zu spüren bekommen sollte.

Die Vorstellung hatte anscheinend schon begonnen, als Pock sich dem Zirkuszelt näherte. Die

Nacht brach gerade herein; die Luft war kühl und der Geruch wilder Tiere und gebrannter Nüsse

lag schwach in der Luft. Es war Zirkusluft. Auch die hasste Pock mehr als alles andere, genauso

wie er diese auf Lustig machenden Blödmänner hasste, die am Eingang des Zeltes standen und

ihn nicht hinein lassen wollten.

"Ich will die Vorstellung sehen!", sagte der Goblin leise aber bestimmt und mit einem bösen

Funklen in den Augen dem etwas dicken Pixy, der tatsächlich silberne Sternenaufkleber auf

seinen Wangen hatte.

Der Pixy erhob die Hände und nickte. "Meinetwegen, wenn du keine nettere Begrüßung drauf

hast, aber ..."

Pock schob sich einfach an ihm vorbei, ohne ihn aussprechen zu lassen, hörte aber mit einem

Ohr noch das empörte Schnauben des Glitzer-Kaspers. Erst jetzt fiel ihm auf, dass er sein Schwert

gar nicht dabei hatte. Und wenn schon, notfalls würde er den grünen Wicht mit seinen eigenen

Klauen erwürgen, obwohl ihm die Vorstellung, ihn anzufassen, ihm Übelkeit bescherte.

Er betrat den großen Innenraum des Zeltes und war sofort umgeben von einer geheimnisvollen,

wohlklingenden Musik. Pock konnte sofort die Quelle der zauberhaften Klänge ausmachen: Es

waren Panflöten-Spieler; alle samt so gekleidet und geschminkt, dass man unmöglich erkennen

konnte, ob sie nun männlich oder weiblich waren. Zierliche Tänzerinnen - Pock meinte, dass es

Waldelfen waren, war sich aber nicht sicher, es hätten auch kleine Menschenmädchen sein

können - führten zur Musik einen Tanz auf, bei dem immer wieder bunte Tücher aus

hauchdünnem Stoff in die Luft geworfen wurden.

Das Publikum - hauptsächlich Kinder - klatschte, lachte und jubelte. Es herrschte eine fröhliche

Atmosphäre, die Pock im ersten Augenblick vergessen ließ, warum er eigentlich hier war ... Er

suchte sich einen freien Sitzplatz in der vordersten Reihe und setzte sich. Verwirrt und benebelt

von all den Farben, Lichtern und Klängen blickte er sich suchend um. Wieso war er nicht zu den

Wohnwägen gegangen um den Possernreisser dort zu suchen?! Jetzt ärgerte er sich über seine

Dummheit.

Während Pock damit haderte, was er als nächsten tun sollte, wichen die Elfentänzer einer

lustigen Gruppe aus Narren mit bunten, albernen Kleidern und Masken. Einer von ihnen trug

einen Eimer, der von einer weißen Schaummasse überquoll; der andere, ein etwas pummeliger

Pixy, stolperte ungeschickt neben ihm her, was das Publikum zum Lachen brachte. Pock

beachtete die Vorstellung gar nicht, deshalb fiel ihm auch nicht auf, dass die lustige Narren-

Gruppe auf ihn zusteuerte. Der Goblin war gerade im Begriff, aufzustehen, da wurde er von den

zwei Narren an den Armen gepackt und mitten ins Scheinwerferlicht der Manege gezerrt.

Pock war so überrascht und perplex, dass er es erst bemerkte, als er schon quasi mitten auf der

Bühne stand. Er hätte diese beiden Kasper mit Leichtigkeit platt machen können, aber er wollte

nicht vor dutzenden von Zeugen - die meisten waren Kinder - einen Mord begehen.

"W- w- was soll das?! Was wollt ihr von mir ..."

Der pummelige Pixy lachte und rief: "Ihr seht aus, als hättet Ihr Euch schon sehr lange nicht

mehr eine Rasur gegönnt, werter Herr Goblin von Blauenstein!"

Pock wurde auf einen Stuhl gedrückt - er wusste gar nicht, dass Pixies so stark waren - und ihm

wurde ein großes, weißes Tuch um den Hals gebunden.

"Aber das erledigen wir gerne für Euch!"

Das Publikum lachte; und es klang nach Vorfreude, als wüsste es bereits, was nun folgte.

"Ich blub ..."

"Das ist gut für die Kopfhaut und schont die Rasur!"

Ehe Pock protestieren konnte, wurde er mit der weißen Schaummasse übergossen, die der bunte

Kasper in einem Eimer mit sich herumgetragen hatte. Sie bedeckte seinen Kopf und sein ganzes

Gesicht, und zwar so, dass er nichts mehr sehen und kaum etwas hören konnte. Das Gelächter und

die Musik drangen dumpf und verschwommen an seinen Ohren. Er wollte aufzustehen und hatte

vor, nun kräftig Prügel auszuteilen, doch irgendwie schaffte er das nicht: Pock war wie gelähmt.

Durch die dichte Schaumdecke vernahm er plötzlich eine vertraute Stimme. Durch den Schaum

gedämpft, aber vertraut:

"Haaaaalt! Hört sofort auf damit, Ihr Trottel!"

Lautes Gelächter.

"Wisst Ihr denn nicht, wen Ihr da in der Mangel habt? Das ist der Ork-Häuptling

Schlachmichweg aus dem Winterwald!"

"Winterwald?", hörte Pock die (gespielt?) dümmliche Stimme einen der anderen Narren sagen.

"Siehst du denn nicht die blauen Füße? Die werden vom vielen Frieren so!"

Pock frohr in der Tat. Seine Füße waren eiskalt, und er grub seine Zehnen in den weichen Sand,

mit dem der Boden der Manege ausgelegt war.

"Wir müssen ihn schnell wieder saubermachen, bevor er von seiner Schwiegermama eins mit der

Keule über den Schädel bekommt! Und .... Eins, zwei, DREI!"

Ein riesiger Schwall eiskaltes Wasser fegte den Schaum mit einem Male von Pocks Gesicht. Er

nahm sein Umfeld für einen Augenblick völlig verschwommen war. Dann spuckte er und hustete,

rieb sich die Augen und erblickte ... Ihn!

Donny kreischte erschrocken auf, als er den Goblin erblickte und ließ den Wassereimer fallen,

mit dem er dem Goblin die Dusche verpasst hatte.

Pock saß immer noch da, und starrte den Pixy an. Und Donny starrte den Goblin an. Im Zelt war

es plötzlich totenstill.

"Du ... du bist ja hier ...", flüsterte Donny.

Das Publikum sah zu Pock, der sagte: "Ja, und ich bin nass."

Donny kicherte hilflos und trat von einem Fuß auf den anderen. "Warum bist du hier?"

Wieder blikckten die Leute im Publikum zu Pock.

"Eigentlich, um dich zu erwürgen."

Donny kicherte wieder verlegen und fasste sich an den Nacken, wobei die Schellen seiner

Narrenkappe rasselten. "Oh, naja ... wie du siehst, habe ich auch noch zu tun."

"Ja, wir alle haben zu tun, nicht wahr?"

Das Publikum blickte zu Donny.

"Willst du mich wirklich umbringen?", fragte Donny etwas leiser. "Ist vielleicht kein guter

Zeitpunkt, oder?!"

"Irgendwie muss ich mich doch für die Ohrfeige rächen, oder nicht?!", zischte Pock.

"Und was soll ich dann mit dir machen wegen dem Kuss?"

Ein Raunen ging durch die Menge. Einige steckten die Köpfe zusammen. "Hat er wirklich Kuss

gesagt?" "Ja, habe ich auch gehört ..."

"Dafür werde ich dich auch umbringen.", schnaubte Pock und erhob sich.

Wieder blickten sie sich einige Sekunden lang schweigend an.

"Dann nur zu."; sagte Donny schließlich, und verschränkte die Arme. "Aber es wird deinen

Schmerz nicht lindern."

"Was weißt DU schon über meinen Schmerz?"

"Einge ganze Menge!"

"Was denn, hä?!", rief Pock herausfordernd.

"Du gibst dir alle Mühe, ein schlechter Kerl zu sein, weil du gehasst werden willst.", sagte

Donny und machte einen Schritt auf Pock zu. "Du fühlst dich schuldig für den Tod deiner Eltern,

weil du glaubst, dass es ein Fluch war. Ein Fluch, den du glaubst ausgelöst zu haben."

"Lass meine Eltern ..."

"Danach ging alles schief in deinem Leben, weil du es wolltest.", fuhr Donny unbarmherzig fort.

"Du glaubst, du musst bestraft werden. Du glaubst, du hast Liebe und Vergebung nicht verdient.

Deshalb wolltest du in den Krieg. Du wolltest nicht kämpfen, du wolltest sterben!"

"Hör auf ..." Pock wandte sich von ihm ab, blieb aber stehen.

Donny hörte nicht auf. "Wesen ohne Seele können keinen Selbstmord begehen, weil sie bereits

tot sind.", sagte der Pixy leise. "Nur durch die Hand eines Dämons können sie getötet und erlöst

werden. Das habe ich gelesen, und du musst es damals auch gewusst - oder besser gesagt:

geglaubt haben."

Pock senkte den Kopf, schloss die Augen und atmete zischend aus.

"Es ist mir nicht gelungen. Wie du siehst, bin ich noch da." Er drehte sich um und sah Donny mit

müden Augen an. "Ich hätte tot sein müssen, damals, in der Höhle, als ...

Diese Wesen kamen; diese Dämonenwesen aus Necros` Armee. Sie kamen, um mein Volk zu

töten. Und sie fanden mich und andere Goblins in dieser Höhle. "Zeit zu Sterben" haben sie

gesagt, und ich war davon überzeugt, dass meine Zeit endlich gekommen war. Doch ich war nicht

alleine: Es waren Goblinweibchen und Jungen in der Höhle gefangen. Ich wollte auch nicht

einfach zusehen, wie Kinder getötet werden sollten, also zögerte ich und floh, wie die anderen

Goblins auch.

Als wir in der hintersten Ecke der Höhle zusammengedrängt schließlich doch unserem Ende ins

Auge blicken mussten, kam jemand, der die Dämonen von hinten niederschlug ... "

Donny hielt sich beide Hände vor den Mund, als er die Bilder vor seinem Inneren Auge sah: Als

er sah, woran Pock sich erinnerte.

"Es war ein Pixy ...", fuhr Pock fort. "Und es war der tapferste kleine Kerl, den ich je gesehen

habe." Verschähmt blickte Pock auf seine Füße. "Ich erkannte an jenem Tag die Schönheit eines

Pixys. Seine Eleganz, die Magie, welche ihn umgab. Es ist absurd, in solch einem Augenblick

solche Gefühle zu haben, aber sie waren da."

Er blickte Donny an und sah, wie der Pixy ihn erschrocken anstarrte. Dass um sie herum

Zuschauer, Narren und Artisten waren, sie ihr Gespräch gebannt verfolgten, hatten beide

inzwischen völlig vergessen.

"Wir konnten aus der Höhle entkommen, doch einer der Dämonen lebte noch."

Pock schloss die Augen und ließ den Koipf sinken.

Donny sah seine Gedanken mit seinem Inneren Auge ...

Der Dämon springt auf, packte den Pixy am Hals und rammt ihm einen Dolch in die Kehle ...

Eine dicke Träne quoll aus Donny`s Auge, dann noch eine und noch eine. Tränen verwischten

seine Schminke; seine großen, mandelförmigen Augen glänzten und glitzerten wie von millionen

von Sternen erfüllt.

"Simly ... es war Simly.", flüsterte Donny kaum hörbar.

Pock seufzte leise, als hätte ihm jemand gerade eine unglaublich schwere Last abgenommen.

"Es ... es tut mir so leid ..."

"Ich wusste es. Irgendwie habe ich es immer gewusst.", sagte Donny und wischte sich die

Tränen mit dem Ärmel seines Kostüms ab.

"Ich habe dich geküsst"; sagte Pock und blickte wieder auf seine Füße. "weil ich es wollte. Weil

ich ... ich ..." Er schnaubte entnervt und wollte sich abwenden, doch Donny packte ihn am Arm

und zog ihn zu sich heran.

"Willst du wieder weglaufen?!", rief Donny. "Hast du Angst vor dem Stachel, der dich verletzen

könnte? Diese Angst habe ich auch, aber wir können uns beide nicht ewig in einen Schutzpanzer

zurückziehen!" Donnys Stimme war tränenerstickt. "Wir müssen das Risiko eingehen, uns

gegenseitig zu verletzen, denn wenn wir es nicht tun, werden wir auch niemals die Gelegenheit

haben, uns gegenseitig gut zu tun."

Für einen Augenblick starrten sie sich wieder schweigend an. Aus dem Publikum, das weiterhin

gebannt die kleine Szene verfolgte, war ein vernehmliches Räuspern zu hören.

"Was soll ich tun?", flüsterte Pock unsicher.

"Sag` es mir.", sagte Donny fordernd. "Sag` es mir."

Der Goblin biss sich auf die Lippe, hüstelte und sah wieder auf seine Füße. "Ich .... Du ... Du

bist mir sehr sympathisch."

Donny schnaubte verächtlich. "Das reicht nicht."

"Ich ... ich mag dich irgendwie ..."

Der Pixy berührte Pocks Kinn und hob seinen Kopf, sodass sie sich in die Augen blicken

konnten.

"Das reicht immer noch nicht.", sagte Donny. "Sag` es!"

"Ich ... ich ... liebe dich ..."

"Lauter!"

"Ich ... liebe dich."

"Ich glaube es dir nicht."

"ICH LIEBE DICH!", brüllte der Goblin. "ICH LIEBE DICH!!!"

Er umfasste das Gesicht des Pixys, zog es zu sich heran und küsste ihn voller Leidenschaft und

Extase auf die Lippen. Donny erwiderte den Kuss, und sie umschlagen einander mit ihren Armen

und pressten ihre Körper fest aneinander, als wollten sie sich niemehr los lassen.

Plötzlich war das Zirkuszelt von brausendem Applaus erfüllt. Die Zuschauer sprangen von ihren

Plätzen, jubelten, applaudierten und pfiffen.

Noch während sie sich küssten, begann in Donnys Wohnwagen die Kristallrose zu leuchten und

pulsierendes, rotes Licht auszustoßen. Es erfüllte zuerst den Wohnwagen selbst, dann das

Gelände, welches ihn umgab, und schließlich erreichte es das Zirkuszelt. Donny und Pock

spürten, wie ein unsichtbares Etwas mit unsichtbaren Händen nach ihnen griff und sie beide

umarmte. Sie ließen voneinander ab und ihr Blick wanderte nach oben, wohin das rötliche Licht,

welches von einem silbernen Glitzern erfüllt war, langsam nach oben stieg und allmählich

verblasste.

"Danke, Simly.", flüsterte Donny. Dann sah er Pock an und kicherte plötzlich, obwohl ihm

wieder Tränen kamen.

"Du lachst?", fragte Pock mit kühler Stimme, aber einem Grinsen im Gesicht.

"Ich musste gerade daran denken, dass du noch nie ... also, du weißt schon ..."

Der Goblin seufzte und nickte zustimmend. "Ja, da hast du recht." Nach einer kurzen Pause

fügte er hinzu: "Aber ich habe sehr viele Bücher darüber gelesen."


E p i l o g: Der Goblinzähmer

(Vier Tage später)

Meister Camo und Sela saßen einander gegenüber, und der alte Gremlin nippte an dem

Tee, den die Wahrsagerin ihm eingeschenkt hatte, während Sela selbst den dritten Becher jenen

Gebräus trank, den Camo ihr mitgebracht hatte. An ihrem Tisch saßen auch zwei Goblins, die mit

Pock einen Schwerttanz für die Zirkusvorstellung einstudieren wollten. Es waren sehr junge, sehr

dürre Exemplare mit kobaldblauer Haut und tiefschwaren Haaren. Sie hatten, vom legendären

"Pock Monsterjäger" gehört und sich dem Zirkus angeschlossen.

"Wenn wir noch einen Zauberer hätten", begann Norin seuftzend und nahm sich noch ein Stück

von dem Steinbeißer-Braten, den Camo zusammen mit Glenton, dem Jongleur, zubereitet hatte.

"Einen, der wirklich zaubern kann."

"Wer weiß", sagte Sela zuversichtlich. "vielleicht findet sich da draußen noch ein einsames Herz,

das hier sein Glück - oder seine Seele - findet."

Allle Augen wanderten zu Norin. Dieser blickte überrascht auf, dann zuckte er mit den Achseln.

"Wer weisch?!", sagte er mit vollem Mund und aß weiter.

Sie saßen an mehreren Tischen kreuz und quer im Freien, nur wenige Schritte von Donnys

Wohnwagen entfernt.

"Was meint Ihr", wendete sich einer der jungen Goblins an Camo und Sela. "wann können wir

endlich mit Pock sprechen?"

Sela zuckte mit den Achseln und trank einen Schluck. "Wenn der Goblinzähmer mit ihm fertig

ist."

Alle lachten, während die beiden jungen Goblins - Schniff und Kratzer hießen sie - nicht ganz

verstanden und sich ratlos anblickten.

"So nennen wir hier alle seit kurzem Donny, den Pixy-Gaukler.", erklärte Norin. "Er hat den

wilden, mürrischen und miesepetrigen Goblin Pock eingefangen. Jetzt muss er ihn aber noch

zähmen."

"Und wie macht er das?", fragte Kratzer.

Doch als Antwort erntete er wieder Lacher.

"Kommt schon", drängelte Schniff. "wie zähmt man einen Goblin-Krieger?"

Camo seufzte, legte seine Klaue auf die Schulter des ahnungslosen Goblins und sagte ernst:

"Das musst du schon selbst herausfinden. Irgendwann und irgendwie."

"Aber sind sie tatsächlich schon vier Tage da drin?", fragte Norin plötzlich ernst und mit

besorgtem Gesichtsausdruck. "Ich meine, sie kommen nicht raus zum essen oder ..."

"Wer braucht schon Essen?", rief einer der Elfentänzer und kicherte. "Denen hungert und dürstet

nach etwas ganz Anderem."

"Oder Schlaf?", fragte Norin irritiert. "Oder ..."

Plötzlich herrschte Schweigen. Die Zirkusleute - ein zusammengewürfelter Haufen aus Elfen,

Goblins, Menschen und einem Gremlin - wechselten Blicke, nickten zustimmend einander zu.

Schließlich erhob sich Meister Camo nickend und sagte: "Ich werde mal nach den beiden

schauen."

"Frag` sie, ob sie nicht was zu Essen haben wollen!", rief Norin ihm hinterher.

Der Gremlin watschelte mit seinen kurzen Beinen auf den Wohnwagen zu und klopfte an die

Tür.

"Donny? Pock?"

Eine Sekunde später öffnete sich die Tür, und Pock stand - lediglich mit einem Lendenschurz

bekleidet und ziemlich verwuschelten Haaren - vor ihm.

"Ja? Was gibt`s denn?", fragte er gelassen.

"Ich ... wir wollten wissen, wie es euch geht.", stotterte Camo plötzlich leicht verwirrt.

"Ausgezeichnet.", sagte Pock und wischte sich eine schwarze Haarsträhne aus dem Gesicht.

"Und Donny?" Camo versuchte einen Blick in den Wohnwagen zu erhaschen und sah den Pixy,

der auf seinem Bett saß. Ebenfalls mit völlig zerwühlten Haaren. "Wie geht es dir, Donny?"

"Fantastisch!", rief Donny grinsend. "Ich fühle mich wie ein Feuer, in das man Öl gießt."

Camo drehte sich zu den anderen, neugierigen Zirkusleuten um und rief: "Es geht beiden gut!"

Dann wandt er sich wieder Pock zu. "Ach, ich bin ja so stolz auf dich, mein Kleiner!"

Der Goblin strahlte wie ein frisch geputzer Eimer. "Gell?!"

Dann machte er die Tür wieder zu, drehte sich zu Donny um und sagte mehr zu sich selbst: "Tja,

das war also der Kontrollbesuch von Meister Camo. Und wo waren wir gerade stehen geblieben?"

Donny kicherte. "Ich glaube, ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern."

Pock seufzte und schüttelte den Kopf. "Dann muss ich deine Erinnerung wohl ein bisschen

auffrischen, Possenreisser!"

"Das kommt mir sehr gelegen, durchgeknallter Goblin!"

Der Goblin nahm Anlauf, sprang ins Bett und beide umschlangen einander wie Wesen, die sich

niemals mehr loslassen wollten.



ENDE